Skip to main content

Varel nach dem Zweiten Weltkrieg

24012025_332.jpg

Flyer über eine außerordentliche Sitzung des Stadtrates Varel, 4. Mai 1948. Ein Protest gegen die beabsichtigte Belegung der Vareler Kasernen mit Polen und anderen ausländischen DPs.

Quelle: Heimat- und Stadtarchiv Varel.

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde Niedersachsen zu einer der Regionen mit der größten Zahl an Lagern für Displaced Persons. Überall dort, wo Platz geschaffen werden konnte, entstanden Unterkünfte. Die einheimische Bevölkerung fürchtete zum Teil Vergeltungsaktionen ehemaliger Zwangsarbeiter oder anderer NS-Opfer. Vor allem aber verschwanden die rassistischen Einstellungen und Ressentiments, die zuvor zu Krieg und Massenmord geführt hatten, nicht einfach mit dem Kriegsende. In weiten Teilen der deutschen Gesellschaft herrschten Neid und Angst gegenüber den Displaced Persons, begleitet von einem Gefühl der eigenen Überlegenheit und einer rassistisch begründeten Ablehnung gegenüber den meist aus Osteuropa stammenden Menschen. Zudem zeigen zahlreiche Quellen, dass es nach dem Zusammenbruch des Nationalsozialismus und der Niederlage Deutschlands vielfach an einem echten Schuldbewusstsein mangelte.1 

In Varel zeigte sich diese Spannung sehr deutlich. In der Stadt befand sich eines der größten DP-Lager Norddeutschlands. Bereits 1948 artikulierte der Stadtrat die Sorgen und Ressentiments der Einheimischen. In einer Sitzung am 5. Mai wurde ein Protestschreiben an britische und deutsche Behörden verfasst. Darin hieß es, die „aggressiven Verhaltensweisen“ der DPs stellten eine Gefahr für das Leben in der „raumengen Stadt“ dar, zudem gebe es für die deutsche Bevölkerung schon nicht genug Arbeit, „erst recht nicht für die Polen“. Wesentlich ist, dass sich der Vareler Protest von 1948 nicht gegen das Altersheims als solches richtete, sondern spezifisch gegen die dort untergebrachten polnischen Displaced Persons, wobei zugleich eine implizite Hierarchisierung erkennbar wird, die baltische Bewohner als „höherwertig“ gegenüber polnischen positionierte. Der Stadtrat drohte sogar mit geschlossenem Rücktritt, falls die Kasernen nicht für „friedliche Zwecke der Bevölkerung“ freigemacht würden.

Die Haltung des Vareler Stadtrats macht die Spannungen der Nachkriegszeit deutlich. In den Kasernen lebten Menschen, die zuvor verschleppt, entrechtet und zur Arbeit gezwungen worden waren. Trotz dieses Hintergrunds wurden sie nun von vielen Einwohnern als Belastung wahrgenommen.

Anstatt die Lage der ehemaligen Zwangsarbeiter*innen zu berücksichtigen, stellte der Stadtrat die eigenen Bedürfnisse in den Vordergrund. Teile der deutschen Gesellschaft griffen ihre alten Vorurteile gegenüber den Displaced Persons wieder auf und stellten sich selbst erneut als benachteiligt dar. Diese Verschiebung der Perspektive zeigt, wie schwer vielen der Blick auf das eigene Handeln fiel und wie gering die Bereitschaft war, Schuld und Verantwortung anzuerkennen.

Neben diesen gesellschaftlichen Spannungen standen die Lager bauch vor praktischen Herausforderungen. Berichte der britischen Militärregierung für Niedersachsen erwähnen wiederholt eine schwankende Zahl an Rückführungen, die Notwendigkeit von Resettlement-Programmen sowie Sorgen über illegale Migration. Im August 1947 zählte man allein in Niedersachsen noch rund 123.000 DPs mit sinkender Tendenz. 

  1. Grossmann, Atina (2012): Juden, Deutsche, Alliierte Begegnungen im besetzten Deutschland. Göttingen. Hubert & Co. S. 71f.

24012025_331.jpg

Niederschrift zur außerordentliche Sitzung des Stadtrates Varel, 5. Mai 1948. Ein Protest gegen die beabsichtigte Belegung der Vareler Kasernen mit Polen und anderen ausländischen DPs.

Quelle: Heimat- und Stadtarchiv Varel.

Nachdem Lager für polnische DPs entwickelte sich das Lager in den 1950er Jahren zum größten und einzigen Altersheim für DPs in Norddeutschland.5 Ab 1950 wurden dorthin gezielt ältere, kranke oder nicht reisefähige Menschen aus anderen Lagern umquartiert.6 Die Versorgung wurde den freien Wohlfahrtsverbänden und der Caritas übertragen.7 Zum einen, weil kirchliche Akteure größeres Interesse an der Lage der DPs zeigten als staatliche Stellen,8 zum anderen weil die IRO und die Alliierten kein Vertrauen darin hatten, dass der deutsche Staat die Opfer der NS-Zeit human behandeln würde. Zeitweise lebten hier über 1.000 Bewohner*innen aus bis zu zwölf Nationen, vor allem aber Balten und Ukrainer.9 

Viele Bewohner*innen blieben über Jahre, manche bis an ihr Lebensende. Sie lebten abseits der Mehrheitsgesellschaft, oft stigmatisiert, aber vergleichsweise gut betreut durch die kirchlichen Träger.

Die folgende Collage präsentiert Ausschnitte aus dem „Verzeichnis der DP-Lager in der Brit. Zone Deutschlands“ des Arolsen Archives, mit einem Fokus auf die Stadt Varel, aus dem Zeitraum vom 31. Juli 1948 bis zum 15. Januar 1951:

  1. The National Archives, FO 371/64798. S. 37f.

  2. Grabe, Nina (2020): Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und „heimatloser Ausländer“ in Westdeutschland (ca. 1950–1975). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. S. 23f.

  3. Grabe, Nina (2020): Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und „heimatloser Ausländer“ in Westdeutschland (ca. 1950–1975). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. S. 24, 41.

  4. Ebd.

  5. Grabe, Nina (2020): Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und „heimatloser Ausländer“ in Westdeutschland (ca. 1950–1975). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. S. 62f.

___________________________________________________________

von Max Kossenjans
___________________________________________________________