Glossar
Abkommen von Jalta — Die Vereinbarungen der Konferenz von Jalta (Februar 1945) zwischen den USA, Großbritannien und der Sowjetunion beinhalteten unter anderem Vereinbarungen zur Rückführung sowjetischer Staatsangehöriger. Auf dieser Grundlage wurden Repatriierungen der Displaced Persons (DPs) auch unter Zwang durchgesetzt. Diese Praxis wurde zunächst Ende 1945 durch den alliierten Oberbefehlshaber General Eisenhower eingeschränkt und 1946/1947 aufgegeben.
Agency — Dieses wissenschaftliche Konzept bezeichnet die Handlungsfähigkeit der Displaced Persons (DPs) und Flüchtlinge. Als Akteure gestalteten sie den Umgang mit ihnen und ihre zukünftigen Optionen aktiv mit und waren nicht nur passive Empfänger*innen von Fürsorge oder Objekt von Politik. Die Sichtbarmachung dieser Agency ist ein zentrales Anliegen in der neueren Forschung.
Arolsen Archives — Im Jahr 1943 von den Alliierten als International Tracing Service gegründet; heute Archiv in Bad Arolsen, das unter anderem die Antragsformulare (CM/1-Antrag) verwahrt, mit denen Personen bei der IRO ihre Anerkennung als Displaced Person (DP) oder Flüchtling beantragten. Seit 2007 ist das Archiv für die Forschung zugänglich.
Britische Besatzungszone — Die von Großbritannien verwaltete Zone in Nordwestdeutschland, zu der auch Niedersachsen und damit auch die Stadt Varel gehörte. In dieser ländlich geprägten und wirtschaftlich schwach entwickelten Region lebten verglichen mit anderen Besatzungszonen verhältnismäßig viele Displaced Persons (DPs).
Caritasverband und Innere Mission — Die beiden großen kirchlichen Wohlfahrtsverbände – der katholische Caritasverband und die evangelische Innere Mission – denen die Leitung des Vareler Altersheims von der britischen Besatzungsverwaltung übertragen wurde. Gegenüber staatlichen Stellen, die durch ihre NS-Vergangenheit belastet waren, trauten die Alliierten und die IRO den kirchlichen Trägern einen menschlicheren Umgang mit den Displaced Persons (DPs) zu.
Control Commission for Germany (CCG) — Die britische Besatzungsverwaltung, die gemeinsam mit der IRO u.a. die drei niedersächsischen Altersheime für DPs errichtete und die Übergabe der Verantwortung an deutsche Stellen vorbereitete.
Displaced Persons (DPs) — Zentraler Quellenbegriff für Menschen, die durch NS-Terror, Krieg und Verfolgung aus ihren Lebenszusammenhängen gerissen wurden. Ab 1943 von den Alliierten als Kategorie eingeführt. Unter dem Begriff wurden Zwangsarbeiter*innen, KZ-Überlebende, Kriegsgefangene und Flüchtlinge vor allem aus dem stalinistischen Osteuropa zusammengefasst.
DP-Camp / DP-Lager — Sammelbezeichnung für die Einrichtungen, in denen DPs ab 1943 und vor allem nach Kriegsende untergebracht und versorgt wurden. Zuständig waren nacheinander die UNRRA (1943-1947), dann die IRO (1947-1951) und schließlich die BRD (ab 1951).
Erinnerungskultur — Begriff für den gesellschaftlichen Umgang mit Geschichte: Welche Ereignisse werden erinnert, welche vergessen oder verschwiegen? Und wie wird auf Geschichte Bezug genommen – kritisch reflektierend oder als Grundlage kollektiver Identität?
Flüchtlingskonvention — siehe Genfer Flüchtlingskonvention
Flüchtlingsregime — Wissenschaftlicher Begriff für die Gesamtheit der Institutionen, Regeln, Praktiken und Akteure, die den Umgang mit Flüchtlingen strukturieren. Das Flüchtlingsregime wird dabei nicht als festes System verstanden, sondern als ein von Konflikten und Verhandlungen geprägter Prozess zwischen diesen verschiedenen Akteuren.
Friesland-Kaserne — Nach der Schließung des DP-Altersheims 1959 wurde das Gelände des Altersheims für DPs ab 1961 als Bundeswehrkaserne unter dem Namen „Friesland-Kaserne" genutzt. Nach der Aufgabe des Standorts im Jahr 2006 wurde das Areal als „Waldviertel" für zivile Nutzungen — Wohnen, Verwaltung und Gewerbe — umgestaltet.
Gedenkort (Vareler Friedhof) — Auf dem Vareler Friedhof befinden sich die erhaltenen Gräber von 63 ehemaligen Bewohner*innen des Altersheims für DPs. Seit dem Jahr 2021 engagiert sich eine lokale Initiative für deren Pflege und Sichtbarkeit; im Jahr 2023 wurde hier ein Gedenkort eingeweiht. Am ehemaligen Standort des Heims selbst erinnert hingegen bis heute nichts an dessen Existenz — dort steht lediglich ein Findling zum Gedenken an die Friesland-Kaserne.
Genfer Flüchtlingskonvention — Völkerrechtlicher Vertrag von 1951, der aus den Erfahrungen der IRO mit den DPs hervorging und bis heute die rechtliche Grundlage des internationales Flüchtlingsschutzes bildet. Die Konvention definiert, wem als Flüchtling Schutz zusteht und verankert das Prinzip des Non-Refoulement – das Verbot, Menschen in Länder abzuschieben, in denen ihnen Verfolgung droht. Ursprünglich auf Europa beschränkt, wurde der Geltungsbereich der Konvention im Jahr 1967 durch ein Protokoll weltweit ausgeweitet.
Hard Core — Quellenbegriff der Alliierten, der IRO und UNRRA für diejenigen DPs, denen kaum oder keine Auswanderungschancen prognostiziert wurden: hierzu zählten ältere Menschen, chronisch Kranke, Menschen mit Behinderungen, Menschen mit Vorstrafen, aber auch Mitglieder als „zu spezialisiert" geltender Berufsgruppen. Diese Menschen konnten dann oft nicht resettlet (siehe Resettlement) werden und blieben in Deutschland zurück.
Heimatlose Ausländer — Rechtskategorie, die mit dem „Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer im Bundesgebiet" (HAuslG; April 1951) eingeführt wurde und die DP-Kategorie der IRO im deutschen Recht ablöste. Mit dem Gesetz übernahm die BRD die Verantwortung für die verbliebenen DPs und räumte ihnen ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht ein – jedoch keinen Anspruch auf Einbürgerung. Der Status ist vererbbar, was erklärt, dass auch im Jahr 2023 noch ca. 9.000 Menschen in Deutschland als heimatlose Ausländer registriert waren.
Innere Mission — siehe Caritasverband und Innere Mission
International Tracing Service — siehe Arolsen Archives
IRO (International Refugee Organization) — 1946 im Rahmen der Vereinten Nationen gegründete Nachfolgeorganisation der UNRRA, die 1947 ihre Arbeit aufnahm. Anders als diese erkannte die IRO das Recht der DPs auf Nicht-Rückkehr (siehe Non-Refoulement) an und verfolgte statt der Repatriierungen eine Politik des Resettlements. Sie organisierte bis 1951 das Resettlement von über einer Million DPs.
Jalta — siehe Abkommen von Jalta
Kalter Krieg — Der sich ab 1945 verhärtende Konflikt zwischen dem Westen und der Sowjetunion, der die DP-Politik tiefgreifend beeinflusste. Der Kalte Krieg war ein wesentlicher Grund für die Abkehr von der Zwangsrepatriierung und für den Paradigmenwechsel zum Resettlement. Viele DPs waren politische Flüchtlinge, die aus der Sowjetunion geflohen waren bzw. aus Angst vor Verfolgung nicht dorthin zurückkehren wollten.
Kollaborateur*innen — Unter den DPs befanden sich nicht nur Opfer des Nationalsozialismus und Flüchtlinge vor dem Stalinismus, sondern auch Personen, die mit dem NS-Regime zusammengearbeitet hatten. Dieser Umstand macht die Gruppe der DPs historisch heterogen und politisch umstritten.
Kommunikatives und kulturelles Gedächtnis — Begriffe aus der Gedächtnistheorie, geprägt von Jan und Aleida Assmann. Das Kommunikative Gedächtnis umfasst die mündlich weitergegebene Erinnerung, die im Austausch zwischen Zeitzeug*innen und ihren Nachkommen weitergegeben wird und mit dem Tod der Erlebnisgeneration verblasst. Das Kulturelle Gedächtnis hingegen beruht auf institutionalisierten Formen der Erinnerung wie Denkmälern, Archiven oder Ausstellungen. Die Ausstellung selbst ist ein Versuch, die Geschichte des Vareler Heims im Kulturellen Gedächtnis sichtbarer zu machen.
Konfessionelle Zugehörigkeit — Die Religionszugehörigkeit der Heimbewohner*innen, die in den Meldekarten systematisch erfasst wurde. Im Vareler Heim lebten große Gruppen evangelisch-lutherischer, römisch-katholischer und russisch-orthodoxer Bewohner*innen was die vielfältige Herkunft der DPs aus dem Baltikum, Polen, der Ukraine und Südosteuropa widerspiegelte. Diese Konfessionszugehörigkeit beeinflusste das soziale und kulturelle Leben im Heim.
Konfliktlandschaft / Palimpsest —„Palimpsest" bezeichnet ursprünglich ein Pergament, das mehrfach überschrieben wurde, und meint hier die Überlagerung verschiedener historischer Nutzungsschichten auf demselben Gelände. „Konfliktlandschaft" verweist darauf, dass diese Schichten nicht neutral nebeneinanderstehen, sondern eine Erinnerungshierarchie abbilden, die Ausdruck von Machtverhältnissen sind: Manche Geschichten — wie die der Bundeswehr — wurden aktiv erinnert und weitergegeben, andere — wie die der DPs — blieben lange im Schatten.
Kriegsmarine-Kaserne — Die ursprüngliche militärische Nutzung des Geländes in Varel, auf dem ab 1938 eine Kaserne der deutschen Kriegsmarine errichtet wurde. Nach Kriegsende diente das Gelände zunächst als Unterkunft für alliierte Truppen, bevor es ab 1950 als „Altersheim" für DPs diente — eine Nachnutzungsgeschichte, die für viele ehemalige nationalsozialistische Militärstandorte in der Nachkriegszeit typisch war.
Letzte Million — Quellenbegriff für die Gruppe der DPs, die nach den großen Repatriierungswellen der UNRRA nicht in ihre Herkunftsländer zurückgekehrt waren und deren Betreuung zum zentralen Mandat der 1946 neu gegründeten IRO wurde. Aus dieser „letzten Million" gingen letztlich auch jene Menschen hervor, die als „Hard Core" dauerhaft in Deutschland verblieben — darunter die Bewohner*innen des Vareler Altersheims für DPs.
Meldekartei — Im Rahmen der Ausstellung ist damit derjenige Teil der Vareler Meldekartei gemeint, der das Verzeichnis der Bewohner*innen des Altersheims für DPs enthält. Diese Meldekartei ist im Stadtarchiv Varel für einen Großteil der Bewohner*innen erhalten. Die Kartei bildet eine zentrale Quelle für die Rekonstruktion der Sozialstruktur des Heims und für die Spurensuche nach einzelnen Bewohner*innen.
Methodischer Nationalismus — Kritischer Begriff für die unhinterfragte Übernahme des Nationalstaats als analytischem Rahmen in den Sozialwissenschaften. Das Projekt begegnet diesem methodischen Problem, indem es lokale, regionale, nationale, inter- und transnationale Perspektiven miteinander verschränkt.
Migrationsregime — Analytisches Konzept, das Migrationspolitik nicht als festes Regelwerk versteht, sondern als eine konfliktbasierte Kontaktzone, in der verschiedene Akteure — auch die Migrant*innen selbst — Regeln und Praktiken kontinuierlich neu aushandeln.
Non-Refoulement — Völkerrechtliches Prinzip der Nicht-Zurückweisung: Wer aus begründeter Furcht vor Verfolgung nicht in sein Herkunftsland zurückkehren kann, hat ein Recht auf Schutz und darf nicht in sein Heimatland abgeschoben werden. Dieses Prinzip wurde u.a. von der IRO etabliert und in der Genfer Flüchtlingskonvention verankert.
Public History — Geschichtsvermittlung an die Öffentlichkeit jenseits des akademischen Fachpublikums, etwa durch Ausstellungen, Dokumentationen oder digitale Angebote. Die virtuelle Ausstellung ist als Beitrag zur Public History konzipiert.
Repatriierung — Die (teils erzwungene) Rückführung von Millionen DPs in ihre Herkunftsländer, zunächst die vorherrschende Politik der Alliierten und der UNRRA bis 1946/1947.
Resettlement — Ab 1946/1947 unter der IRO verfolgte Politik der Vermittlung und des Transports von DPs in aufnahmebereite Drittstaaten. Die Aufnahmeländer wählten dabei überwiegend nach wirtschaftlichen Kriterien aus, bevorzugten also junge, arbeitsfähige Menschen unter den DPs.
SHAEF (Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force) — Das alliierte Oberkommando, das nach der Befreiung Deutschlands die erste Versorgung und Registrierung der DPs übernahm und die massenhaften Repatriierungen organisierte. Innerhalb des SHAEF war eine eigene G-5 Division (Displaced Persons, Refugees and Welfare Branch) für die DPs zuständig.
Staatenlosigkeit — Rechtlicher Zustand von Personen, die keine Staatsangehörigkeit besitzen. Viele DPs waren staatenlos geworden, weil ihre Herkunftsstaaten nicht mehr existierten, ihre Grenzen verschoben worden waren oder ihnen die Staatsbürgerschaft entzogen worden war. Die IRO verwendete die Kategorie „staatenlos", wenn die Staatsangehörigkeit einer Person nicht eindeutig festgestellt werden konnte. Für die Betroffenen bedeutete Staatenlosigkeit einen erheblichen rechtlichen und sozialen Nachteil.
Stalinismus — Bezeichnet die diktatorische Herrschaftsform unter Josef Stalin in der Sowjetunion (1927-1953). Viele DPs im Vareler Altersheim waren vor stalinistischer Verfolgung aus Osteuropa geflohen. Die Angst vor Repressionen — bis hin zu Internierung im Gulag-System oder der Ermordung — war ein zentraler Grund für die Weigerung vieler DPs, in ihre unter sowjetischer Kontrolle stehenden Herkunftsländer zurückzukehren.
UNHCR (United Nations High Commissioner for Refugees) — Das 1950 gegründete UN-Flüchtlingshilfswerk, das institutionell aus der Arbeit der IRO hervorging und den Schutz von Flüchtlingen ab 1952 übernahm. Anders als die IRO ist der UNHCR primär ein Schutz- und Koordinierungsorgan und kein operatives Umsiedlungsprogramm.
UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) — Im Jahr 1943 gegründete Organisation der Alliierten zur Versorgung und Repatriierung der DPs. Repatriierte bis 1946 ca. sieben Millionen Menschen, darunter viele Menschen gegen ihren Willen. Wurde 1946/1947 durch die IRO abgelöst.
Vulnerabilität — Bezeichnet die besondere Schutzbedürftigkeit bestimmter Flüchtlingsgruppen, insbesondere älterer und kranker Menschen. Die Versorgung dieser Gruppen war aufwendiger, kostenintensiver und sie selbst versprachen in Aufnahmestaaten weniger zukünftige Produktivität als Arbeitskräfte, weshalb sie im Resettlement-Programm systematisch benachteiligt wurden.
Zwangsarbeit— Zwangsarbeit bezeichnet die erzwungene Arbeit von Menschen unter dem NS-Regime. Häufig war dies mit einer gewaltbasierten Verschleppung verbunden, also einer Zwangsmigration. Viele dieser Menschen wurden nach dem Zweiten Weltkrieg zu Displaced Persons.
Zwangsmigration — Wissenschaftliches Konzept das den Zwangscharakter bestimmter Migrationsbewegungen von Menschen in den Mittelpunkt stellt, wenn diese z.B. vertrieben oder verschleppt wurden.
Zwangsrepatriierung — Die gegen den Willen der Betroffenen durchgesetzte Rückführung, rechtlich legitimiert durch das Abkommen von Jalta und durchgesetzt insbesondere auf Druck der Sowjetunion. Der wachsende Widerstand dagegen sowie der Kalte Krieg waren Anlässe für den Paradigmenwechsel zum Resettlement.