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Fritz Suhren: Ein Fallbeispiel

Fritz Suhren Bild.jpg

Fritz Suhren als Schutzhaftlagerführer des KZ Sachsenhausen, 1941.

Fotograf/in unbekannt; Verbleib des Originals unbekannt, abgedruckt in: Jerrard Tickell: Odette, London 1950, S. 314.

Vor dem Ersten Weltkrieg

Fritz Suhren wurde am 10.06.1908 in Varel geboren und am 13.09.1908 in der dortigen Schlosskirche getauft.1 Suhrens Eltern waren der Kaufmann Friedrich Suhren (22.09.1879–18.11.1970) und seine Ehefrau Marie Henriette Caroline Suhren (1882–28.08.1963), die zum Zeitpunkt seiner Geburt in der Oldenburger Straße 39 in Varel lebten.2 

 

  1. Vgl. Frerichs, „MEMO Fritz Suhren“ (S.2).

  2. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025).

Weimarer Republik

Suhren besuchte eine Mittelschule und erlernte im Anschluss den Beruf als Kaufmann in der Konfektions- und Textilbranche. Kurz darauf besuchte Suhren zudem eine Berufsbildende Schule und ließ sich zum Dekorateur ausbilden. Später arbeitete er in einer Baumwollweberei in Zetel und war dort im Lager tätig.3 

Am 01.12.1928 trat Fritz Suhren der NSDAP-Ortsgruppe Varel bei und erhielt die NSDAP-Mitgliedsnummer 109.561.4 Suhren trat am 01.10.1929 der Vareler SA bei. Kurze Zeit später verlor Fritz Suhren seine Arbeitsstelle im Lager der Baumwollweberei in Zetel. Suhren fand jedoch schnell wieder Arbeit im Geschäft seiner Eltern.5 

Nach seinem Beitritt betätigte er sich ehrenamtlich in der „24. SS-Standarte Ostfriesland". Etwa ein Jahr nach der Machtübernahme Hitlers wurde Suhren von der SS hauptberuflich eingestellt und ca. ein halbes Jahr später in den SS-Führerkorps aufgenommen. Ca. ein Jahr später, am 06.07.1935 wurde er dort zum Adjutanten ernannt.6 

Suhren trat am 26.08.1935 aus der evangelisch-lutherischen Kirche aus. Am 26.07.1936 heiratete Suhren im Standesamt Varel die Schneiderin Elfriede Anna Adeline Bruns. Beide bekamen 1937 ein gemeinsames Kind.7 

 

  1. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025).

  2. Vgl. https://mein.nwzonline.de/varel/ortsgeschichte/nationalsozialismus/fritz-suhren-ein-kz-lagerkommandant-aus-varel,a2004 (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  3. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  4. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  5. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025

fritz suhren.jpg

Fritz Suhren wird zum Hauptsturmführer befördert. Quelle: Arolsen Archives, DocID: 82150400.

Zweiter Weltkrieg

Am 01.03.1939 wurde Suhren als Stabsführer nach Graz zum XXXV. SS-Abschnitt versetzt. Da Suhren unter einer Alkoholsucht litt, musste er sich im Verlauf des Jahres dazu verpflichten, zwei Jahre lang keinen Alkohol mehr zu trinken. Nach dem deutschen Einmarsch in Polen am 01.09.1939 wurde Suhren vom Kriegsdienst freigestellt und führte den SS-Abschnitt Graz.8 

Am 16.01.1941 beantragte Theodor Eicke9 beim Ergänzungsamt der Waffen-SS die Einberufung Fritz Suhrens, um ihn als Schutzhaftlagerführer im KZ Sachsenhausen einzuarbeiten und ihn ggf. später als Reserveführer vorzuschlagen.10

Am 24.03.1941 trat Suhren seinen Dienst im KZ Sachsenhausen als 2. Schutzhaftlagerführer an. Im November des selbigen Jahres wurde Suhren in der Waffen-SS zum SS-Obersturmführer der Reserve befördert.11 

Etwa ein Jahr später beantragte die Kommandantur des KZ Sachsenhausen beim SS-Führungshauptamt die Beförderung Suhrens zum SS-Hauptsturmführer der Reserve.12 Am 30.07.1942 gab das SS-Wirtschafts-Verwaltungshauptamt in Berlin sein Einverständnis.

Fritz Suhren wurde am 01.09.1942 als Lagerkommandant ins Frauen-Konzentrationslager Ravensbrück versetzt.13 Das Konzentrationslager Ravensbrück war eines der größten Frauen-Konzentrationslager der Nationalsozialisten und existierte zwischen 1939–1945. Insgesamt waren in dem Lagerkomplex ca. 120.000 Frauen, 20.000 Männer und 1.200 weibliche Jugendliche inhaftiert, die aus über 30 Nationen stammten. Suhren war der letzte der drei Lagerkommandanten und unter seiner Führung kam es zu den schwerwiegendsten Verbrechen.14 

Besonders abscheulich waren die zahlreichen Menschenversuche von August 1942 bis August 1943 und Anfang 1945, die unter der Leitung von Professor Doktor Karl Gebhardt15 durchgeführt wurden. Zum einen gab es Experimente an 74 polnischen Häftlingen und zwölf Häftlingen anderer Nation, die die Erfolgschancen für Infektionsbehandlungen mit Sulfonamiden widerlegen sollten. Weitere Experimente fanden Anfang 1945 statt, wobei an 120–140 weiblichen und weiteren männlichen Sinti und Roma Sterilisationsexperimente durchgeführt wurden, die nicht selten zum Tod führten. Besonders entsetzlich ist, dass die jüngsten Opfer erst acht Jahre alt waren.

Ab Ende 1944 begann der Bau provisorischer Gaskammern, da Suhren im Oktober 1944 von Heinrich Himmler den Befehl zur rückwirkenden monatlichen Tötung von 2.000 Inhaftierten bekam. In den nächsten Tagen selektierte Dr. Trommler über 2.300 Frauen aus dem Lager. 150 von ihnen wurden direkt erschossen, jedoch dauerte dies Suhren zu lange, weswegen er seinen stellvertretenden Lagerkommandanten Sauer mit dem Bau einer Gaskammer neben dem Krematorium beauftragte. Höchstwahrscheinlich wurden die ersten Frauen im Januar oder Februar 1945 in den Gaskammern ermordet. Insgesamt fielen ihr ca. 2.400 Menschen zum Opfer. Suhren bzw. das Lagerpersonal ließen die endgültige Tötung durch den Wurf einer Gasbüchse durch männliche Gefangene durchführen, vermutlich um nicht die direkte Schuld zu tragen.16 

Weitere Verbrechen waren die Zwangsprostitutionen, die ab 1943 stattfanden. Aus dem KZ Ravensbrück stammten dabei die meisten Prostituierten, denen mit der Arbeit die Freilassung versprochen wurde, dies trat jedoch nie ein. Die Frauen wurden für die Arbeit oft zwangssterilisiert, um Schwangerschaften zu vermeiden. Nach dem Krieg wurden sie nie dafür entschädigt.

Insgesamt starben ca. 28.000 Menschen in dem Konzentrationslager Ravensbrück. 

  1. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  2. Theodor Eicke war ein General der Waffen-SS und SS-Obergruppenführer.

  3. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  4. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/der-zweite-weltkrieg/kriegsverlauf/waffen-ss (letzter Zugriff: 17.09.2025)

  5. https://collections.arolsen-archives.org/de/document/82150400 , https://collections.arolsen-archives.org/de/document/82150401 (letzter Zugriff: 17.09.2025)

  6. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  7. Vgl. https://www.ravensbrueck-sbg.de/geschichte/1939-1945/#c381 (letzter Zugriff:21.09.2025)

  8. Karl Gebhardt war einer der führenden Ärzte in der SS und Leibarzt Himmlers.

  9. Vgl. Schäfer (2002), „Zum Selbstverständnis von Frauen im Konzentrationslager.“ (S. 199-200)

Vernehmung von Fritz Suhren.jpg

Vernehmung von Fritz Suren. Quelle: Arolsen Archives, 82150406.

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Suhren war der letzte Kommandant des KZ Ravensbrück und zuletzt zum SS-Obersturmbannführer ernannt worden. Er umging einer Strafe vorerst durch eine spektakuläre Flucht. Er nahm die französische Agentin Odette Sansom als Geisel und fuhr mit ihr in Richtung der amerikanischen Truppen, wo er sich einen „Freikauf" erhoffte.19 Nachdem Sansom und Suhren bei den amerikanischen Truppen ankamen, klärte Sansom über Fritz Suhrens Funktion im KZ Ravensbrück auf. Im Anschluss wurde dieser verhaftet und war im ehemaligen Konzentrationslager Neuengamme inhaftiert. Er sollte im 1. Hamburger Ravensbrück-Prozess angeklagt werden, jedoch gelang ihm mit SS-Oberscharführer Hans Pflaum die Flucht.20 

In Hamburg wurde er mindestens einmal im November 1946 gesehen. Kurze Zeit später begann er eine Arbeit in einer Brauerei in Bayern, wo er vermutlich noch etwa 2,5 Jahre unter dem falschen Namen Ernst Pakusch weiterarbeitete. Im Oktober 1948 traf er eine ehemalige Sekretärin aus dem Konzentrationslager Ravensbrück, welche ihn an die Polizei meldete, woraufhin er am 24.03.1949 verhaftet wurde.21 

Suhren stritt ab, dass er für die Benutzung der Gaskammern verantwortlich war und behauptete: „Im März 1945 war ich mit der Auflösung verschiedener Außenlager beschäftigt und aus diesem Grunde von meinem Hauptlager Ravensbrück abwesend. Als ich zurückkehrte, es war ungefähr Mitte März, fand ich einen sogenannten Sturmbannführer Sauer als Lagerkommandanten vor."

Im Juli 1949 wurde er an die französische Besatzungszone ausgeliefert. Durch den Militärgerichtshof in Rastatt wurden Suhren und Pflaum wegen zahlreicher Morde im KZ Ravensbrück nach einem ersten Urteil vom 10.03.1950 und einem zweitinstanzlichen Urteil vom 13.05.1950 zum Tode verurteilt.23 

Im Juni 1950 wurde ein Gnadengesuch Suhrens abgelehnt und das zuvor gefällte Urteil am 12.06.1950 in einer Sandgrube in Sandweier bei Baden-Baden durch ein Erschießungskommando vollstreckt.

Kurz nach dem Tod Fritz Suhrens erschien eine durchaus kontroverse Todesanzeige durch seine Familie in der Nordwest-Zeitung aus Oldenburg. In dieser wird er als vorbildlicher Vater dargestellt und sein Tod wird als unfassbar und tieferschütternd bezeichnet. Fritz Suhren wurde nicht in der französischen Besatzungszone bestattet, sondern als sehr seltener Fall in seiner Heimatstadt. Am 11.10.1951 wurde er auf den evangelisch-lutherischen Friedhof in Varel überführt, welches unter der Bedingung stand, dass seine Übergabe nicht zu provokativen Demonstrationen missbraucht wird.25 

  1. Vgl.https://www.nwzonline.de/niedersachsen/mit-frau-als-geisel-freikauf-ver-
    sucht_a_27,0,1027734928.html# (letzter Zugriff: 22.09.2025)

  2. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  3. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  4. Vgl. https://www.dhm.de/lemo/kapitel/kaiserreich (letzter Zugriff: 08.09.2025)

  5. Vgl. https://dokumen.pub/transforming-occupation-in-the-western-zones-of-germany-politics-
    everyday-life-and-social-interactions-194555-9781350049222-9781350049253-
    9781350049239.html (S.106) (letzter Zugriff: 23.09.2025)

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von Melina Kernchen
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