Versorgung der DPs
Internationale Organisationen und ihre Rolle in der Versorgung der Displaced Persons
SHAEF - militärische Erstversorgung und Rückführung
Bereits während des Vormarschs der Alliierten wurde deutlich, dass Millionen Menschen, ehemalige Zwangsarbeiter*innen, KZ-Überlebende, Kriegsgefangene, versorgt werden mussten. Dafür richtete das Supreme Headquarters Allied Expeditionary Force (SHAEF) eine eigene G-5 Division (Displaced Persons, Refugees and Welfare Branch) ein. Ihre Aufgabe war es, Displaced Persons provisorisch in Lager unterzubringen, sie dort zu registrieren und mit Nahrungsmitteln, Kleidung und medizinischer Hilfe auszustatten.
Die Soldaten der Siegermächte übernahmen zusätzlich die Bewachung dieser Lager und griffen notfalls bei Konflikten innerhalb der Lager ein. Das zentrale Ziel aber war es, diese Menschen so schnell wie möglich, in ihre Herkunftskontexte zurück zu bringen. Im Mai und Juni 1945 wurden zeitweise bis zu 80.000 Menschen täglich in ihre Herkunftskontexte transportiert. Bis zum 31. Juli 1945 wurden über vier Millionen DPs aus den westlichen Besatzungszonen repatriiert. Besonders die Rückkehr sowjetischer Staatsangehöriger wurde streng durchgesetzt, vielfach unter Zwang, da die Rückkehr dieser Menschen Moskau vertraglich zugesichert worden war.
______________________________________________________________________
______________________________________________________________________
UNRRA - internationale Zivilorganisation mit „Teams vor Ort“
Im November 1943 erfolgte die Gründung der UNRRA im Weißen Haus in Washington mit dem Ziel, den überlebenden Opfern sowohl der deutschen als auch der japanischen Barbarei zu helfen. Die UNRRA wurde von den Alliierten als gemeinsame Institution ins Leben gerufen, um die Kriegsanstrengungen der Alliierten zu unterstützen.
Sie war eine der ersten internationalen Organisationen, die sich systematisch mit der Versorgung und Verwaltung der DPs befasste.
______________________________________________________________________
______________________________________________________________________
Die UNRRA arbeitete in Teams von etwa acht bis zehn Mitarbeitenden, die jeweils für ein Lager oder mehrere Einrichtungen zuständig waren.8 Im Jahr 1946 waren es rund 11.000 Mitarbeiter*innen in Deutschland, Österreich und Italien, die solche Aufgaben ausführten.9
Ihre Arbeit umfasste die Registrierung, Lebensmittel- und Medikamentenverteilung, den Aufbau von medizinischen Diensten und Quarantänestationen sowie Bildungs- und Kulturangebote.10 Leitmotiv war die Devise „help the people to help themselves“, also die Hilfe zur Selbsthilfe.11 Zentrales Ziel war aber die Repatriierung der Menschen in ihre Herkunftskontexte: Viele Menschen wurden gegen ihren Willen repatriiert, obwohl ihnen massive Repressionen drohten. Ein signifikanter Anteil der Rückkehrer wurde anschließend im Gulag-System interniert, was die propagierte humanitäre Leitlinie in ein drastisches Missverhältnis zur tatsächlichen Praxis setzte. Hinzu kamen die steigenden politischen Spannungen, da sich viele osteuropäische Flüchtlinge einer Rückkehr verweigerten.12
Da ein signifikanter Anteil der DPs nicht repatriiert werden konnte, bestanden die Lager wesentlich länger als ursprünglich vorgesehen.
-
Arolsen Archives: „Displaced Persons“. Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten. SHAEF, UNRRA, IRO und weitere Hilfsorganisationen – wer versorgte die DPs, o.D., URL: https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am: 03.09.2025).↩
-
Arolsen Archives: „Displaced Persons“. Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten. SHAEF, UNRRA, IRO und weitere Hilfsorganisationen – wer versorgte die DPs, o.D., URL: https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am: 03.09.2025).↩
-
Arolsen Archives: „Displaced Persons“. Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten. SHAEF, UNRRA, IRO und weitere Hilfsorganisationen – wer versorgte die DPs, o.D., URL: https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am: 03.09.2025).↩
-
Arolsen Archives: „Displaced Persons“. Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten. SHAEF, UNRRA, IRO und weitere Hilfsorganisationen – wer versorgte die DPs, o.D., URL: https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am: 03.09.2025).↩
-
Marrus, Michael R.: Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert. Berlin: Schwarze Risse 1999, S. 365.↩
______________________________________________________________________
Kisten mit UNRRA-Lieferungen aus den USA sind hoch aufgestapelt. Das Schiff „Falstria“ liegt im Hafen, im Vordergrund türmen sich große Bündel. Ein Kran hebt Ladung an Bord, während Arbeiter die Pakete bewegen. In einer Nahaufnahme ist deutlich die Aufschrift „US Mail“ auf der Seite eines Bündels zu erkennen. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, RG-60.4491, gift of Julien Bryan Archive .
______________________________________________________________________
______________________________________________________________________
Die International Refugee Organization (IRO) -Auftrag, Praxis und Folgen
Die International Refugee Organization (IRO) entstand 1947 als Nachfolger der UNRRA-Politik und war Zuständig für die „letzte Million“ nicht repatriierbarer DPs.13 Im Westen dominierte schließlich die Einsicht, dass man den DPs mit den (Zwangs)Repatriierungen vielfach Unrecht angetan hatte. Zugleich ließ der aufkommende Kalte Krieg die Zusammenabriet mit der Sowjetunion zunehmend nicht mehr zu. Neben Versorgung und Schutz zielte die Politik der IRO ab 1947 auf die weltweite Umsiedlung der verbliebenen DPs, was ein strategischer Kurswechsel in der internationalen Flüchtlingspolitik bedeutete. Dabei war nun der Grundsatz der Freiwilligkeit leitend, das heißt, Flüchtlinge bzw. Displaced Persons sollten nicht mehr gegen ihren Willen in ihre vermeintlichen Herkunftsländer zurückgeführt werden, sofern sie einen gültigen Einwand gegen eine Rückkehr erhoben hatten.15
Als solcher galt die Angst vor politischer Verfolgung. Das Verbot des non-refoulemenet, also die Zurückweisung in Länder, in denen den Menschen Folter oder die Todesstrafe droht, sollte zukünftig ein Grundpfeiler internationaler Flüchtlingspolitik werden. Dieser Grundsatz des Völkerrechts gilt bis heute.
-
Arolsen Archives: „Displaced Persons“. Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten. SHAEF, UNRRA, IRO und weitere Hilfsorganisationen – wer versorgte die DPs, o.D., URL: https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am: 03.09.2025)↩
-
United Nations: Constitution of the International Refugee Organization, in: ANNEX 2. Resolution adopted by the General Assembly on 12 February 1946 (document A/45), New York, 15 December 1946, URL: https://treaties.un.org/pages/viewdetails.aspx?src=treaty&mtdsg_no=v-1&chapter=5&cl (abgerufen am 03.09.2025).↩
Nach Jan-Hinnerk Antons waren die DP-Lager bis in die frühen 1960er-Jahre weitgehend von der deutschen Nachkriegsgesellschaft getrennt. Die Feindseligkeit vieler Deutscher gegenüber den Displaced Persons erklärt er vor allem mit Denkmustern, die während der NS-Zeit verinnerlicht worden waren und in der Nachkriegszeit weiterwirkten.16 Für die Lager selbst sei daher der Terminus einer „parallel society“ also einer Parallelgesellschaft treffend, da die DPs dort gesammelt, versorgt und anschließend entweder zurückgeführt oder in andere Länder umgesiedelt werden sollten.17
Deutsche Behörden wiederum kritisierten wiederholt den mangelnden eigenen Souveränitätsanspruch sowie die hohen Kosten, die mit dem Betrieb der Lager verbunden waren.18 Erst am 1. Juli 1950 ging die Kontrolle offiziell in deutsche Hände über.19 Dennoch verblieben rund 100.000 DPs auf deutschem Boden, die nicht repatriiert oder resettled werden konnten und daher dauerhaft in der Bundesrepublik blieben.20
______________________________________________________________________
-
Antons, Jan-Hinnerk: Displaced Persons in Postwar Germany. Parallel Societies in a Hostile Environment, in: Journal of Contemporary History, Band 49. 2014, Nr. 1, S. 93.↩
-
Ebd. S. 94.↩
-
Antons, Jan-Hinnerk: Displaced Persons in Postwar Germany. Parallel Societies in a Hostile Environment, in: Journal of Contemporary History, Band 49. 2014, Nr. 1, S. 107.↩
-
Ebd.↩
-
Ebd. ↩
______________________________________________________________________
Diese Karte wurde mit Daten des Arolsen Archives – International Center on Nazi Persecution erstellt. Sie spiegelt lediglich grob die Standorte der einzelnen DP-Lager wider (es ist möglich, dass einzelne Standorte nicht berücksichtigt wurden). Die Markierungen auf der Karte geben ausschließlich die Orte wieder, nicht jedoch exakte Straßen- oder Grundstücksangaben.
______________________________________________________________________
______________________________________________________________________
Verarbeitungszentrum der IRO (International Relief Organization). Familien stehen in Reihen an Schaltern, an denen junge Männer und Frauen ihre Ausweispapiere prüfen, neue Dokumente ausstellen und ihre Auswanderung nach Nordamerika (Kanada, USA) sowie in verschiedene Länder Südamerikas vorbereiten. Außerdem werden Fingerabdrücke genommen. Verschiedene Einstellungen zeigen die Flüchtlinge im Gespräch mit den IRO-Mitarbeitern; ihre Gesichtsausdrücke reichen von verängstigt bis freudig. Nahaufnahme eines neuen Ausweises, der für eine junge Frau erstellt wird, während ihre Fingerabdrücke auf der Rückseite angebracht werden. Dieselbe Szene wird anschließend in einer Halbtotale gezeigt, bei der auch die Familie der jungen Frau sichtbar ist. Die Aufnahmen wurden inszeniert, um den gesamten Ablauf für die Kamera einzufangen. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, RG-60.4178, gift of Julien Bryan Archive.
______________________________________________________________________
Aus einer durch die UNRRA kollektiv zugewiesenen Kategorie wurde ein individueller, antragsbasierter Status, mit konkreten Ansprüchen auf Versorgung und Unterbringung, aber auch mit Ausschlüssen.21 Damit verschob sich die Handlungsmacht von Betroffenen auf internationale Prüf- und Vergabeverfahren, in der Praxis entstanden „Grauzonen“ zwischen Schutz, Steuerung und Selektion.22
______________________________________________________________________
-
Huhn, Sebastian / Rass, Christoph: Displacement und Displaced Persons, in: Bannasch, Bettina / Bischoff, Doerte / Dogramaci, Burcu (Hrsg.): Exil, Flucht, Migration. Konfligierende Begriffe, vernetzte Diskurse?, Berlin/Boston: De Gruyter, 2022, S. 46f.↩
-
Huhn, Sebastian / Rass, Christoph: Displacement und Displaced Persons, in: Bannasch, Bettina / Bischoff, Doerte / Dogramaci, Burcu (Hrsg.): Exil, Flucht, Migration. Konfligierende Begriffe, vernetzte Diskurse?, Berlin/Boston: De Gruyter, 2022, S. 45ff.↩
______________________________________________________________________
Trotz großer Erfolge des Resettlement-Programms konnten nicht alle umgesiedelt werden. Rund 175.000 Menschen konnten bis Ende 1951 nicht ausreisen, viele waren alt, krank, alleinstehend oder galten aus politischen bzw. medizinischen Gründen als „hard core“ und „nur begrenzt umsiedelbar“.23 In Deutschland entstanden daher spezialisierte Einrichtungen, für die langfristigen Unterbringung dieser Personen .24
Mit dem sukzessiven Ende der IRO-Tätigkeit ging die Verantwortung ab dem 30. Juni 1950 schrittweise auf westdeutsche Behörden über.25 Allein in der britischen Zone standen zunächst rund 30.000 DPs in 49 Lagern unter deutscher Verantwortung, weitere rund 14.000 befanden sich noch unter allierter Verwaltung.26 Die Verantwortung bedeutete eine erhebliche Belastungen der Länderhaushalte, was in britischen Monatsberichten bereits im Frühjahr 1950 als Bedenken benannt wurde.27
______________________________________________________________________
-
Marrus, Michael R.: Die Unerwünschten. Europäische Flüchtlinge im 20. Jahrhundert. Berlin: Schwarze Risse 1999, S. 389ff.↩
-
Grabe, Nina (2020): Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und „heimatloser Ausländer“ in Westdeutschland (ca. 1950–1975). Stuttgart: Franz Steiner Verlag. S. 65.↩
-
FO-1005-1672: Monthly Reports Niedersachsen, März 1950, S. 7.↩
-
FO-1005-1672: Monthly Reports Niedersachsen, Juli 1950, S. 109.↩
-
FO-1005-1672: Monthly Reports Niedersachsen, März 1950, S. 49.↩
______________________________________________________________________
Im IRO-Flüchtlingsverarbeitungszentrum versammeln sich mehrere Displaced Persons um die kanadischen Vertreter, die Fragen der Gruppe beantworten, die hauptsächlich aus jungen Männern und einigen jungen Frauen besteht. Zwei junge Flüchtlinge sprechen direkt mit den Vertretern. Im DP-Lager Ebelsberg in Linz, Österreich, sammeln sich die Flüchtlinge mit ihrem Gepäck, um ihre Reise nach Kanada anzutreten. Sie helfen einander, ihre Koffer zu verschließen und zu beschriften, bevor sie alles in offene Lastwagen laden, die sie zum Bahnhof bringen; unter ihnen auch Mendel Good (Aftergut). Am Bahnhof wird das Gepäck in die Güterwagen verladen, und Kinder steigen zusammen mit ihren Familien ein, um ein neues Leben zu beginnen. Die Flüchtlinge sprechen miteinander, mit den IRO-Mitarbeitern, die sie unterstützen, und auch direkt zur Kamera. Mehrere Nahaufnahmen zeigen Kisten mit den Namen der Personen und ihren endgültigen Bestimmungsorten. Quelle: United States Holocaust Memorial Museum, RG-60.4180, gift of Julien Bryan Archive.
______________________________________________________________________
______________________________________________________________________
Die Forschung von Jan-Hinnerk Antons legt nahe, dass die DP-Lager in den westlichen Besatzungszonen über einen längeren Zeitraum hinweg deutlich von der deutschen Nachkriegsgesellschaft getrennt blieben und vielerorts mit Misstrauen betrachtet wurden. Diese Einstellungen lassen sich in vielen Fällen als Kontinuität von Denk- und Wahrnehmungsmustern erklären, die während der NS-Zeit internalisiert worden waren und in der unmittelbaren Nachkriegszeit weiterwirkten. Die DPs lebten nicht nur räumlich getrennt von ihren deutschen Nachbarn, sondern entwickelten auch eigene administrative, kulturelle, wirtschaftliche und soziale Strukturen.
___________________________________________________________
von Max Kossenjans
___________________________________________________________






