Kārlis Zīverts
Geboren wurde Kārlis Zīverts am 4. August 1888 im lettischen Ort Tervete. Nach dem Besuch der Volksschule absolvierte er die Realschule Blum in Riga. Hiernach arbeitete er von Juni 1907 bis August 1914 als Bankbeamter der IV. Rigaer Bankgesellschaft. Unterbrochen wurde diese Tätigkeit zwischen Oktober 1909 und März 1912, als Kārlis seine Wehrpflicht in der russischen Armee leisten musste. Während des Ersten Weltkrieges diente er erneut in der Armee des russischen Zarenreiches und wurde nach einem Lehrgang in der V. Moskauer Offiziersschule zum Offizier befördert und war Teil des 8. lettischen Schützenregiments.1
Nach dem Ausbruch des Russischen Bürgerkriegs Ende 1917 kämpfte Zīverts von Mai 1918 bis Januar 1920 in Sibirien gegen die kommunistischen Bolschewiki.2 Auch nach der Unabhängigkeit Lettlands im Jahr 1920 setzte Zīverts seine Laufbahn als Berufsoffizier in der Armee des jungen Staates fort. Hier arbeitete er von 1922 bis 1934 in der Intendantur des Kriegsministeriums sowie des Generalstabes und wurde 1934 zum Leiter des Militärwirtschaftslagers in Liepaja ernannt.
1922 heiratete er zudem seine entfernte Verwandte Margarieta Emilija Brigadere.3 Emilija litt zeitlebens unter ihrer angeschlagenen Gesundheit und starb 1932 nach langer Krankheit. Das Paar blieb kinderlos. Nach 18 Jahren als Berufsoffizier in der lettischen Armee trat Zīverts Ende 1938 im Range eines dekorierten Oberstleutnants altersbedingt in den Ruhestand. Diesen verbrachte er in seinem Geburtsort Tervete und betätigte sich dabei als Landwirt.5
Im August 1939 fiel Lettland durch den sog. "Hitler-Stalin-Pakt" der sowjetischen Interessensphäre zu, was im Oktober 1940 zur Annexion durch die Sowjetunion führte. Nach der Vertreibung der sowjetischen Truppen durch den deutschen Angriff auf die Sowjetunion wurde Lettland 1941 von Deutschland besetzt. Auch Kārlis Zīverts nahm am Zweiten Weltkrieg als Soldat teil und kämpfte auf Seiten der deutschen Besatzer.
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Arolsen Archives, DocID: 79963199 ; NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44.↩
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NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44 ; Frerichs, Holger: Das ,,Altersheim für heimatlose Ausländer" in Varel 1950 bis 1959. Dokumentation. Oldenburg 2023, S. 82 ; Latvija, Nr. 27 (11.07.1970), S. 3 ; Laiks, Nr. 50 (24.06.1970), S. 5 ; Auskunft von Andrejs Zuševics, dem Enkel von Kārlis Zīverts Bruder.↩
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Frerichs, Holger: Das ,,Altersheim für heimatlose Ausländer" in Varel 1950 bis 1959. Dokumentation. Oldenburg 2023, S. 82 ; NLA OL Rep 970, Best. 150 Nr. 682 ; NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44 ; Arolsen Archives, DocID: 79963199 ; Adolf Richters Nachfolger, Leo Pahlen (Hg.): Rigaer Adreßbuch 1926/27. Riga 1926, S. 34.↩
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Arolsen Archives, DocID: 79963199 ; NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44.↩
In der Nachkriegszeit wurde angegeben, dass er im März 1943 zur deutschen Wehrmacht einberufen wurde, um als Kommandeur der II. Lettischen Bauabteilung zu dienen. Diese Einheit wurde in Wolmar aufgestellt und bestand aus lettischen Soldaten und russischen Arbeitern. Zīverts, der sowohl Deutsch als auch Lettisch und Russisch sprechen konnte, wurde mit der Führung betraut. Mit seiner Truppe wurde Zīverts anschließend im Mai an den Abschnitt Narwa der russischen Front verlegt. Aufgrund seines fortgeschrittenen Alters habe er nach einiger Zeit des Frontdienstes um die Versetzung in die Lettische Legion gebeten, da er hier einen schonenderen Dienst tun könne.6
Von April 1944 bis April 1945 war Kārlis daher als Offizier in der Generalinspektion der Lettischen Legion, mit Dienststandorten in Riga, Danzig und Güstrow tätig. Ebenfalls war er kurzzeitig Verwaltungsleiter des im Juni gegründeten Krankenhauses der Lettischen Legion in Riga. In dieser Funktion empfing er beispielsweise den lettischen Generalinspektor Bangerskis am 20. Juni 1944 am Krankenhaus und berichtete ihm von den dortigen Umbauarbeiten. Aus gesundheitlichen Gründen trat Zīverts jedoch bald von seiner Position zurück und übernahm stattdessen am 8. August die Leitung des neu gegründeten Sanitätslagers beim Stab der Lettischen Legion.
Mit dem Vormarsch der russischen Truppen zog sich Zīverts gemeinsam mit der Lettischen Legion nach Deutschland zurück, wo er sich seit April 1945 aufhielt. Mit dem Entlassungsschein des Nationalkomitees Lettlands wurde er am 29. April 1945 aus der Lettischen Legion entlassen.
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NLA OL Rep 970, Best. 150 Nr. 682 ; NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44 ; Frerichs, Holger: Das ,,Altersheim für heimatlose Ausländer" in Varel 1950 bis 1959. Dokumentation. Oldenburg 2023, S. 82.↩
Obgleich es sich bei der Lettischen Legion um Verbände der Waffen-SS handelte, gab Zīverts in der Nachkriegszeit wiederholt an, dass er selbst nie der SS angehörte. So sei er auch nach seiner Versetzung zur Lettischen Legion nie aus dem Unterstellungsverhältnis der Wehrmacht entlassen und offiziell der Waffen-SS unterstellt worden.10 In dieser Hinsicht sind die Unterlagen interessant, die bei der IRO über Kārlis Zīverts vorliegen. So baut Kārlis Zīverts hierin das Narrativ auf, dass er von 1938 bis 1944 als Pensionär in Tervete lebte und schließlich im April zur Lettischen Legion ,,conscripted”,11 also einberufen wurde. Als Grund hierfür findet sich in Klammern die Bemerkung: ,,(lack of officers)”.12
Er sei also nicht, wie später behauptet, freiwillig, sondern auf Befehl in die Lettische Legion gekommen, da es einen Mangel an Offizieren gegeben habe. Es lässt sich also vermuten, dass Zīverts während des Screening-Prozesses bei der IRO seinen Dienst bei der II. Lettischen Bauabteilung ab 1943 sowie seine freiwillige Versetzung in die Lettische Legion bewusst verschwiegen hatte, um nicht von der IRO als Kollaborateur eingestuft zu werden und somit den Anspruch auf Unterstützung zu verlieren. Sein im Januar 1948 gestellter Antrag auf Unterstützung der IRO wurde noch im April gleichen Jahres bewilligt.
Nach Kriegsende lebte Kārlis als einer von rund 10.000 Balten im DP-Lager Heiligengeist in Lübeck. Insbesondere für lettische Displaced Persons war die Stadt Lübeck einer der größten Zufluchtsorte, in der sich im Übrigen zum Zeitpunkt der deutschen Kapitulation sowohl der Stab der 15. Waffen-Grenadier-Division der SS (lettische Nr. 1) sowie das Krankenhaus der Lettischen Legion befand.13 Die britische Militärregierung erließ daher eine Bekanntmachung, nach der sich alle Angehörigen der Lettischen Legion zu melden hatten, was Kārlis dann am 21. Mai bei der Lübecker Verwaltung tat.14
In Lübeck arbeitete Kārlis zunächst in der Verwaltung des DP-Lagers und wurde dann im August 1945 in ein DP-Camp in Halle überstellt. Dabei handelte es sich womöglich um das Camp Schützenberg in Halle-Oldendorf in Westfalen.15 Hier war er erneut in der Verwaltung des Lagers als Büroleiter und Buchhalter tätig. Nach einem Jahr in Halle kam Zīverts im August 1946 mit rund 2.000 anderen Letten nach Greven, wo die Balten verhältnismäßig schnell die größte Bevölkerungsgruppe ausmachten. Daher wird dieses 1945 eröffnete Lager im Verzeichnis der DP-Camps der Arolsen Archives auch als “Baltic DP-Camp” bezeichnet.
Es folgten weitere Stationen in Münster (ab April 1947), erneut Greven (ab November 1948) und Rheine-Gellendorf (wohl ab November 1949), bevor Zīverts am 13. März 1950 in dem neu eröffneten Altersheim für heimatlose Ausländer in Varel aufgenommen wurde.
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O.V., Latvia. DP camps in Germany. URL: https://www.archiv.org.lv/baltic_dp_germany/?id=12&lang=en (08.04.25) ; Heuzeroth, Günter: Baltenflüchtlinge nach dem Zweiten Weltkrieg im deutschen Exil.Ein Balanceakt zwischen Diktaturen und Demokratie. Dargestellt an den Baltenkolonien im Oldenburger Land. Oldenburg 2014, S. 20 ; Pletzing, Christian: ,,Stadt der Displaced Persons". DPs aus den baltischen Staaten in Lübeck. In: Pletzing, Christian / Pletzing, Marianne (Hg.): Displaced Persons. Flüchtlinge aus den baltischen Staaten in Deutschland. München 2007, S. 85-106. Hier, S. 86-87 ; NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44 ; Arolsen Archives, DocID: 79963199 ; Freivalds, Osvalds / Bērziņš, Alfrēds Jānis (Bearb.) / Daugavas Vanagu centrālās valdes izdevums (Hg.): Latviešu karavīrs Otrā pasaules kara laikā. Dokumentu un atmiņu krājums. Bd. IV: Cīņas Latvijas robežu tuvumā. O.A. 1976. Hier, S. 280. [Es handelt sich hierbei um eine Schriftenreihe der Veteranenvereinigung der ehemaligen lettischen SS-Verbände "Daugavas Vanagi".]↩
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NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44.↩
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Arolsen Archives, DocID: 79963199 ; Arolsen Archives, DP-Camp Inventory, Nr. 216. URL (Download): https://arolsen-archives.org/content/uploads/dp-camp_inventory_2023-10-26.xlsx↩
Über sein Leben in Varel lassen sich recht spärliche Informationen finden. Die polizeiliche Meldung in Varel erfolgte am 12. Juni 1950.18 Im Altersheim selbst war Zīverts ein Gründungs- und zeitweises Vorstandsmitglied der Ortsgruppe der Daugavas Vanagi, der Vereinigung der ehemaligen Angehörigen der Lettischen Legion. Schon im September 1950 wurde berichtet, dass die Ortsgruppe rund 40 Mitglieder besaß.19
Weiterhin errang er sich nach mehrjährigen juristischen Auseinandersetzungen und einigen Niederlagen im Jahr 1964 eine Rentennachversicherung.20 Nach der Schließung des Altersheims für heimatlose Ausländer kam Kārlis Zīverts in das neu gegründete Altersheim Simeon und Hannah in Varel.21 Hier verbrachte Zīverts seinen Lebensabend: Er starb am 11. Juni 1970 und wurde fünf Tage später eingeäschert. Laut Kirchenbuch wurde er anschließend auf dem evangelischen Friedhof in Varel bestattet. Jedoch existiert weder in der kirchlichen Gräberliste noch im Register des städtischen Friedhofs ein Eintrag zu seinem Grab. Stattdessen befindet sich Kārlis Zīverts Grabstein heute auf dem "Ziepniekkalna kapsēta" in Riga. Ob er nach seinem Tod dorthin umgebettet wurde, bleibt unklar.
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NLA HA Nds. 110 F, Acc. 4993 Nr. 44.↩
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Latvija, Nr. 34 (04.05.1950), S. 2 ; Latvija, Nr. 74 (27.09.1950), S. 2 ; Daugavas Vanagi, Nr. 2 (01.03.1958), S. 45.↩
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Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 110 F Acc. 49/93 Nr. 83. Zīverts , Karlis, Varel gegen Landesversorgungsamt Niedersachsen, Hannover wegen Nachversicherung. 1959 - 1965 ; Niedersächsisches Landesarchiv Hannover, Nds. 110 F Acc. 49/93 Nr. 44, Zīverts , Karlis, Varel gegen Landesversorgungsamt Niedersachsen, Hannover wegen versorgungsrechtlicher Ansprüche. 1888 - 1960 ; Niedersächsisches Landesarchiv Oldenburg, Rep 970 Best. 150 Nr. 682, Verwaltungsrechtssache: Oberstleutnant a.D. Kārlis Zīverts (geb. 1888 in Tervete, Lettland), Varel ./. Landesversorgungsamt Niedersachsen, Hannover, wegen Nachversicherung aufgrund des § 22 des Fremdrenten- und Auslandsrenten-Neuregelungsgesetzes (erfolgreich). 1960 - 1965.↩
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NLA OL Rep 970, Best. 150 Nr. 682.↩
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von David Schober
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