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Wohnorte der Bewohner*innen nach Varel

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Abbildung 1: Anzahl der zehn meistgenannten Wohnorte nach Varel laut den Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimatlose Ausländer“, Heimat- und Stadtarchiv Varel.

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Abbildung 2: Anzahl der Ausszüge nach Jahren sortiert, laut den Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimatlose Ausländer“, Heimat- und Stadtarchiv Varel.

Für viele der älteren DPs, die entweder auf eigenen Wunsch oder aus Alternativlosigkeit in einem Altersheim gelandet waren, statt sich z.B. mit Familienangehörigen fernab von Deutschland ein neues Leben aufzubauen, Ende ihr Leben in Varel. Das Altersheim für DPs sollte die letzte Station ihres Leens sein. Die häufige Bemerkung in heute archivierten medizinischen Unterlagen, dass diese Menschen eine lebenslange Heimunterbrechung benötigten, verdeutlicht, dass in den meisten Fällen davon ausgegangen wurde, dass die Bewohner*innen des Vareler Heims hier ihren Lebensabend würden verbringen müssen.

Die Meldekarten der Heimbewohner*innen zeigen uns aber, dass viele Menschen Varel widererwarten nach Monaten oder sogar Jahren doch wieder verließen.

Doch wo ging es für die Menschen nach Varel weiter? 408 Personen, von denen noch heute Meldekarten vorliegen, starben in Varel oder in einem benachbarten Krankenhaus. Laut Nina Grabe ist diese hohe Zahl nicht verwunderlich, da die Bewohner*innen in Varel, im Vergleich mit anderen Heimen, älter waren.1 Die restlichen 1044 Personen mit überlieferten Meldekarten zogen aus Varel an insgesamt etwa 180 Orte. Auch hier gilt: Diese Zahl ist vermutlich zu hoch. Es kann gut sein, dass ein und derselbe Ort verschieden auf den Karteikarten notiert wurde. Somit kann es schwer nachvollziehbar sein, ob es sich bei einigen Angaben um denselben Ort handelte. Die Daten zeigen eine deutliche Bewegung der Bewohner, die sich in drei Phasen einteilen lässt: 1950-1951, 1952-1957 und 1958-1960.

Frühe Auszüge: Auswanderungsversuche (1950–1951)

Es ist zu beobachten, dass die Personen, die kurz nach der Heimeröffnung bereits 1950 bzw. 1951 wieder aus dem Altersheim in Varel auszogen, in einer Zeit, in der die IRO noch in Europa tätig war und den DPs half, in Drittstaaten auswandern zu können, zumeist in eines der Auswanderungs- bzw. Durchgangslager zogen und somit vermutlich noch aus der BRD auswandern konnten. Solche Lager finden sich mehrfach unter den 10 meistgenannten Orten nach dem Aufenthalt in Varel (siehe Abbildungen 1). So taucht Hamburg-Wentorf gleich zweimal unter den meistgenannten Orten auf. Werden dazu noch andere Schreibweisen des Ortes gezählt, kommt man auf 199 Personen, für die es nach Varel hierher ging. Wolfgang Blandow schrieb über Wentorf: „Von 1948 bis 1951 waren die Kasernen [in Wentorf] dann Auswanderungslager für DP's. Zuständig für die Verwaltung war jetzt die International Refugees Organisation (IRO). In dem Lager waren zeitweise bis zu 12 000 Menschen untergebracht.“2 

Ähnliches kann über das Durchgangslager Lübeck Blankensee gesagt werden, in welches zwischen 1950 und 1951 80 ehemalige Bewohner*innen aus Varel umzogen, um von hieraus vermutlich – das suggeriert der Charakter des Lagers – mit Hilfe der IRO doch noch aus Deutschland auszuwandern. Genau wie Wentorf wurde auch Blankensee 1951 aufgelöst.3 Andere Orte, an die viele der DPs aus Varel noch 1950 bzw. 51 zogen, waren Münster (49 Personen), Fallingbostel (44), Hannover Bucholz (11) und Marx (9).

Eine Besonderheit dieser ersten Jahre des Altersheims war, dass 55 Personen mehr als einmal in Varel lebten. Das bedeutet, nachdem sie eingezogen waren, zogen sie zumeist innerhalb von wenigen Monaten wieder aus, nur um kurz darauf zurückzuziehen. Bis auf eine Person lagen all die Einzüge in Varel zwischen 1950 und 1953. So zum Beispiel Lazar Parojcic, welcher eine von fünf Personen war, die sogar drei Mal in Varel waren.4 Lazar konnte nach fünf Umzügen zwischen Hamburg-Wentorf und Varel im Jahr 1956 nach England auswandern (siehe Karteikarten). Der bei seiner Emigration 77 Jahre alte Parojcic ist so ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie unerbittlich einige Menschen kämpften, um aus Deutschland – in vielen Fällen das Land, in dem jetzigen DPs ein unermessliches Leid zugefügt worden war – trotz ihres höheren Alters doch noch auswandern zu können.

  1. Grabe, Nina: Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und "heimatloser Ausländer" in Westdeutschland (ca. 1950-1975), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020, S. 96.

  2. Blandow, Wolfgang: „Displaced Persons Camp“ (Mai 1945 bis Januar 1952), in: Wentorf im Blick. Ein Magazin von Bürgern für Bürger, 21. 2020, H. 94, S. 25.

  3. Pletzing, Christian: Displaced Persons. Esten, Letten und Litauer im Lübeck der Nachkriegszeit, in: Nordost-Archiv. 2011, H. 20, S. 197–219, hier: S. 218.

  4. ID: 346; 490; 901; 902; 1274.

Insgesamt 50 Personen waren zwei Mal in Varel.5 Eine dieser Personen ist Anton Wojtenko. Vor seiner Zeit in Varel gab er in seinen IRO-Unterlagen an, seit 1937 zur Arbeit in Polen gezwungen worden zu sein. Dort sei er von Stanislaw über Krynyccia und Poprad, nach Wien und im Dezember 1944 dann nach Baden gekommen. Von Baden (Österreich) führte ihn seine Odyssee über Hergatz, Dorsten, Bielefeld, Rheda und Rheine in Westfalen und am 22.08.1951 schließlich nach Varel. Von Varel ging es für ihn dann nach Hamburg-Wentorf am 08.10.1951 und schon am 10.12.1951 wieder zurück in das Altersheim in Varel. Dort blieb er dann bis zur Auflösung des Heims 1959. Danach zog er nach Köln-Müngersdorf in das Haus Andreas.6  (siehe Dokumente)

Der große Anteil der Personen, die zwei oder drei Mal nach Varel zogen, wohnte zwischen ihren Aufenthalten in Varel in Wentorf (28 Personen) und in Blankensee (11), was die Vermutung zulässt, dass sie vergeblich versucht hatten auszuwandern. Dies gelang jedoch nur in wenigen Fällen, was ihre Rückkehr nach Varel bezeugt. Eventuell hatte die IRO sie dabei unterstützen wollen, sie aus dem „Altersheim“ in Lager gebracht, die zur Emigration vorbereiteten, und eventuell waren die älteren Personen dort an den vielen Gesundheitstests gescheitert, die die Aufnahmestaaten durchführen ließen, bevor sie DPs eine Einreiseerlaubnis erteilten.

  1. ID: 24; 94; 95; 96; 203; 204; 211; 212; 229; 336; 337; 357; 358; 397; 509; 545; 551; 563; 674; 676; 677; 753; 754; 755; 789; 790; 835; 982; 1061; 1131; 1167; 1205; 1228; 1425; 1521; 1545; 1546; 1672; 1815; 1824; 1825; 1847; 1871; 1985; 2010; 2022; 2038; 2039; 2056.

  2. ID: 2056; Akte von WOJTENKO, ANTON, geboren am 10.07.1886, geboren in Charkow, 3.2.1.1/ 79928861 (ANTON WOJTENKO)/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

Stagnation 1952-1957

Zwischen 1952 und 1957 stagnieren die Auszüge, was angesichts der Schließung der IRO zum Jahresübergang 1951/ 1952 kaum verwundert. Eine Organisation, die den Menschen doch noch bei einer Emigration hätte helfen können, existierte nicht mehr. Bewohner*innen des Vareler Heims, deren emigrierte Kinder sich nun langsam in den Ländern eingelebt hatten, in die sie ausgewandert waren, waren nun aber teils in der Lage, ihre älteren Familienangehörigen zu sich zu holen. Im Durchschnitt zogen etwa 20 Personen pro Jahr aus. Die einzige Besonderheit waren 14 Personen, die über das Jahr 1955 auswanderten. Davon zogen neun in die USA, eine nach Kanada und vier gingen nach Jugoslawien zurück. Nach Jugoslawien zogen zwar auch die Jahre vorher etwa ein bis zwei Personen pro Jahr zurück, und auch in die USA oder nach Kanada ging es für etwa die gleiche Anzahl von Personen jedes Jahr, doch gleich 14 Personen auf einmal war doch ein stärkerer Anstieg. Besonders da nur 18 Personen insgesamt in dem Jahr auszogen. Ein Trend, der bis 1959 anhielt.

Die Schließung des Heims: Umzug in neue Altersheime (1958–1960)

Erst im Jahr 1958 nahm die Anzahl der Auszüge wieder deutlich zu. Da die Schließung des Heims bevorstand, wurden die ersten Bewohner*innen neu untergebracht, Grund der Wegzüge war nun nicht mehr die Emigration. Für 22 von 59 Personen, die in dem Jahr auszogen, ging es nach Hildesheim in das Paul-Gerhard-Heim. Bis heute befindet sich hier eine Seniorenwohnanlage. Insgesamt zogen noch 13 weitere Personen 1958 nach Hildesheim in Wohnungen. Sechs Personen zogen nach Osnabrück in den Ickerweg 180 und sechs wanderten in die USA aus.

1959 zogen im Zuge der Schließung des Vareler Heims mit 424 Personen die meisten Bewohner*innen in einem Jahr aus. Hier finden sich auch nahezu alle restlichen Orte, der zehn meistgenannten Orte nach Varel. Nur 63 neuen Bewohner*innen eines Heims in Springe am Deister mussten sich noch bis 1960 gedulden, da sich die Fertigstellung ihres neuen Zuhauses verzögerte.7 

Meistgenannte Orte, die auf Varel folgten 1959:

Ort

Anzahl

Darmstadt Untere Landskronstraße 115, „Louise-Dittmar-Haus“

71

Delmenhorst, Pestalozziweg 36, „Stephanusstift“

70

Köln Müngersdorf, Neuer Grüner Weg 19, Haus Andreas

63

Oldenburg, Alexanderstraße 60/62

51

Celle, Fuhrberger Str. 219, Lobetal

33

Vechta St. Hedwigsstift (Landwehrstr. 1)

26

Hannover Misburg, Am Mühlenfelde 6, Caritas-Altersheim

26

Salzgitter- Gebhardshagen Altenheim „Maria im Tann“/Sandgrubenweg 31

12

Delmenhorst Hespenriede Hildegardstift (Gr. Ippener Nr. 47)

11

Varel, Oldenburger Str. 61, Altersstift „Simeon und Hanna“

10

Hannover, Sven-Hedin-Str. 5

9

 

Nahezu alle der oben genannten Orte sind bis heute Altersheime. Einige wurden extra gebaut, um die nach der Schließung des Heims in Varel übrig gebliebenen DPs aufzunehmen. Es wurde dabei immer noch versucht, die Bewohner*innen nach Nationalität und Religion auf die neuen Unterkünfte aufzuteilen. Dies war aber nicht mehr bei allen Personen möglich.

In das 1959 in Darmstadt eröffnete „Louise-Dittmar-Haus“ sollten russisch-8 bzw. griechisch-orthodoxe russische, ukrainische, jugoslawische und rumänische Bewohner*innen einziehen.9 Bis auf zwei evangelische und drei katholische Bewohner*innen kann dies auch mittels der Vareler Meldekarten10 bestätigt werden. Das Heim befand sich in evangelischer Trägerschaft und existiert bis heute. Die Entscheidung, wer hier aufgenommen wurde, lag bei UNHCR, der Tolstoy-Foundation oder den Präsidenten des niedersächsischen Verwaltungsbezirks Oldenburg. Für die ehemaligen Bewohner*innen in Varel, waren extra 72 Plätze freigehalten worden.11 Mit mindestens 71 Personen zog hier die größte Anzahl der ehemaligen Bewohner*innen ein. Im Gegensatz zu ihrem vorherigen Heim in Varel wohnten in Darmstadt von Anfang an auch Deutsche mit ihnen zusammen. Deren Anzahl über die Jahre immer größer wurde, während die Anzahl der DPs stetig abnahm.12 

Das „Haus Andreas“ in Köln Müngersdorf nahm hauptsächlich orthodoxe, griechisch-katholische oder baptistische Ukrainer*innen auf. Auch dieses Heim befand sich in evangelischer Trägerschaft.13 Mit 63 Personen zog auch hier eine große Gruppe 1959 ein. Auch im „Haus Andreas“ lebten von Beginn an Deutsche, 1960 lag ihr Anteil schon bei 50 %.14  In Delmenhorst gab es gleich zwei Altenheime, in die die ehemaligen Bewohner*innen Varels einzogen. Laut Holger Frerichs zogen römisch-katholische Pol*innen in das „Hildegardstift“, während in das „Stephanusstift“ hauptsächlich Lett*innen zogen, die in dem neu errichteten Heim in Varel („Simeon und Hanna“) keinen Platz mehr bekommen hatten.15  So ging es für mindestens 81 Personen ins nahegelegene Delmenhorst.

Das Alterskrankenhaus der evangelischen Lobetalarbeit in Celle nahm 33 Personen aus dem Alterheim in Varel auf. Hier sollte nicht zwischen Religion und Nationalität unterschieden werden.16  Zwar waren die meisten neuen Bewohner*innen katholisch oder orthodox, doch auch einige griechisch-katholische und evangelische Personen zogen hier ein. Katholische Pol*innen zogen in Misburg bei Hannover in ein Caritas-Altenheim (33 Personen) und in Salzgitter-Gebhardshagen in das Altenheim „Maria im Tann“ (12) ein.17  Für römisch-katholische Litauer*innen ging es nach Vechta in das St. Hedwigsstift.18  Die Anzahl der Personen, die laut Kartei in das neue Altersstift „Simeon und Hanna“ in der Oldenburger Straße 61 in Varel gezogen sein sollen, lag bei 10 Personen. Das ist eine überraschend gering Anzahl und passt nicht zu den Ergebnissen von Holger Frerichs, der von etwa 50 Personen ausgeht.19  Möglicherweise wurde die Kartei bei Umzügen in Varel nicht immer weitergeführt oder die Karten der ins neue Vareler Heim gezogenen Personen wurden von der Stadt umsortiert und befinden sich daher heute in der Mehrzahl nicht im hier zugrunde gelegten Quellenbestand.

Der letzte große Umzug fand im November 1960 nach Springe am Deister in das dortige DRK-Alterheim statt. Unter den übrigen 63 Personen befanden sich hauptsächlich Esten, aber auch Letten und Litauer sowie Personen, die mittlerweile die deutsche Staatsbürgerschaft erhalten hatten.20

Die Bewegungen von und nach Varel zeigen, wie die Bewohnerinnen und Bewohner versuchten, ihre Lebensumstände zu verbessern, sei es durch Auswanderung oder den Umzug in spezialisierte Altersheime. Nach 1952 nahmen die Umzüge stark ab, da eine Auswanderung mithilfe der IRO nicht mehr möglich war und sich eventuell auch ein großer Teil der Bewohner*innen mit ihrer Unterbringung in Varel abgefunden hatten. Die Schließung des Heims in Varel im Jahr 1959 markierte einen endgültigen Wendepunkt, der die meisten DPs in neue, oft speziell für sie errichtete Heime in ganz Deutschland führte.

  1. Frerichs, Holger: Das „Altersheim für heimatlose Ausländer" in Varel 1950 bis 1959. Dokumentation, Oldenburg: Isensee Verlag 2023, S. 36.

  2. Grabe: Grabe 2020 – Die stationäre Versorgung älterer Displaced 2020, S. 55.

  3. Frerichs: Frerichs 2023 – Das Altersheim für heimatlose Ausländer 2023, S. 35.

  4. Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimaltlose Ausländer“, Heimat- und Stadtarchiv Varel.

  5. Grabe: Grabe 2020 – Die stationäre Versorgung älterer Displaced 2020, 66, 74-75.

  6. Ebd., S. 90.

  7. Ebd., 66f.

  8. Ebd., 90f.

  9. Frerichs: Frerichs 2023 – Das Altersheim für heimatlose Ausländer 2023, S. 34.

  10. Grabe: Grabe 2020 – Die stationäre Versorgung älterer Displaced 2020, S. 64.

  11. Ebd.

  12. Frerichs: Frerichs 2023 – Das Altersheim für heimatlose Ausländer 2023, S. 34.

  13. Ebd., S. 36.

  14. Ebd., S. 35.

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von Hannah Spille
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