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Wohnorte der Bewohner*innen vor Varel

Varel war für die Bewohner*innen des Altersheims selten die erste Anlaufstelle in der Bundesrepublik Deutschland. Viele von ihnen hatten schon verschiedene Lager durchlaufen, bevor sie nach Varel kamen. Doch wie wurde entschieden, welche Person in welches Lager verteilt wurde und wo wohnten die Bewohner*innen des Vareler Altersheim für DPs vorher?

Die meisten DPs lebten nach Kriegsende zuerst in eher kleineren, provisorischen Unterkünften, in denen oftmals während der nationalsozialistischen Herrschaft schon Zwangsarbeitende hatten leben müssen. Mit der Zeit wurden die vielen kleineren Lager von den Alliierten und der IRO durch größere, die sich besser verwalten ließen, ersetzt.

Eine große Anzahl der DPs, die nicht repatriiert werden konnten bzw. wollten, konnte zwischen 1947 und 1951 eine Auswanderung über das „Resettlement“-Programm der IRO verwirklichen. Um die DPs auf ein „Resettlement“ vorzubereiten, dienten die DP-Lager ab 1947/48 häufig nicht nur als Wohnorte, sondern zusätzlich als Ausbildungs- und Lernorte, sowie zur Genesung. Diese Einrichtungen waren nach „Nationen“ gegliedert. Doch besonders ältere sowie körperlich und psychisch kranke DPs hatten wenig Chancen auf ein „Resettlement“ und mussten deshalb in der BRD bleiben. Zu diesen sogenannten „hard core“-Fällen zählten etwa 110.000 Personen, für die ab 1951 die BRD zuständig war. 

1 Milan Rabrenovic Vorderseite Karteikarte.png

Meldekarteikarte von Milan Rabrenovic, Quelle: Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimatlose Ausländer“ Heimat- und Stadtarchiv Varel.

1 Milan Rabrenovic Rückseite Karteikarte vorheriger Wohnort makiert.png

Meldekarteikarte von Milan Rabrenovic, vorheriger Wohnort grün hervorgehoben, Quelle: Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimatlose Ausländer“ Heimat- und Stadtarchiv Varel.

Auch die Religion konnte Auswirkungen auf den Wohnort der DPs haben. So schreibt die Historikerin Nina Grabe: „Um zudem zu verhindern, dass sich religiöse Heimbewohner in einem andersgläubigen Umfeld als ‚Fremdkörper‘ fühlen könnten, plädierten die christlichen Wohlfahrtsverbände und somit nahezu alle Heimträger für eine konfessionsabhängige Aufteilung der Bewerber.“3 So wurden die DPs unter anderem aufgrund ihres gesundheitlichen Zustands, ihrer Religion sowie ihrer Nationalität auf die Lagerorte verteilt.

Für einige der Bewohner*innen des Altenheims in Varel finden sich auf ihren Karteikarten Angaben zu dem Ort, an dem sie vor ihrer Zeit in Varel untergebracht waren. Dies ist bei 562 von 1.452 Personen der Fall. Warum nur bei manchen Personen der vorherige Wohnort notiert wurde, ist unklar. Insgesamt teilen sich die 562 Personen auf 135 Ortsangaben auf. Dabei ist es gut möglich, dass die eigentliche Zahl der Orte, aus denen DPs ins Vareler Altersheim zogen oder dorthin umgesiedelt wurden, geringer war, da in vielen Fällen nicht überprüft werden kann, ob einige Orte nicht doppelt in der Liste aufgeführt werden. So ist es wahrscheinlich, dass es sich bei den Orten „Bodenteich Uelzen (Altenheim)“, „Bodenteich Ev. Altersheim“ und „Bodenteich-Uelzen“ um den gleichen Ort handelte.

Eine der Personen, für die ein vorheriger Wohnort bekannt ist, ist Milan Rabrenovic, der aus einem DP-Camp in Osterode im Landkreis Göttingen am 10.08.1950 nach Varel kam. Dort wurde er als „unfit for work“, also als arbeitsunfähig, beschrieben und als Person, die einen Heimaufenthalt „For life“, also sein ganzes Leben lang brauche. Trotz dieser Beurteilung zog er am 13.06.1951 in ein Transitlager in Wentorf und schaffte es von dort am 02.08.1951 in die USA zu emigrieren.4 (Siehe Dokumente)

  1. Grabe, Nina: Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und "heimatloser Ausländer" in Westdeutschland (ca. 1950-1975), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020, S. 63.

  2. ADCARD Milan Rabrenovio, 3.1.1.1/68727463 (Milan RABRENOVIC)/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives; Institutional Hard Core Data Milan Rabrenovic, 3.2.1/79633363 (MILAN RABRENOVIC)/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.

In der Tabelle finden Sie die 14 meistgenannten Orte, an denen sich die DPs vor Varel befanden. Für einige Orte sind Links hinterlegt, mit derer Hilfe sie weitere Infos zu dem jeweiligen Ort erhalten.

Ort

Anzahl

Prozent

Bodenteich-Uelzen

144

25,67

Diepholz

54

9,63

Goslar

48

8,56

Osterode

37

6,60

Hannover

26

4,64

Detmold

25

4,46

Hamburg

19

3,39

Lübeck

19

3,39

Oldenburg

14

2,50

Lingen

12

2,14

Berchtesgaden

10

1,79

Marx

10

1,79

Osnabrück

10

1,79

Rheine

9

1,60

420 Personen waren auch schon vor ihrer Zeit in Varel in Niedersachsen untergebracht, 49 in Nordrhein-Westfalen, 33 in Schleswig-Holstein und 19 in Hamburg. Bei einigen der vorherigen Wohnorte handelte es sich um Altenheime oder Krankenhäuser. Andere waren „normale“ DP-Lager.

Am häufigsten tauchten verschiedene Varianten des Ortes Bodenteich-Uelzen auf. Dort befand sich das „Bodenteich Old People’s Home“, welches 1951 „in ein Krankenhaus für Tbc (Tuberkulose)-kranke ‚heimatlose Ausländer‘ umgerüstet werden sollte“,5 weshalb einige seiner Einwohner*innen in das neu eingerichtete Heim in Varel gebracht wurden. Insgesamt kamen aus Bodenteich-Uelzen mindestens 144 Personen nach Varel. Auch in Goslar wurde das „Haus Hessenkopf“ bzw. „Adrian-Marshall-Home“ 1951 aufgelöst und rund 56 der etwa 1196 Bewohner*innen wurden nach Varel gebracht.7 Ein weiteres Altersheim befand sich in Berchtesgaden, das „Evangelisch-lutherische Altersheim Insula“. Dies war möglicherweise der Wohnort von 10 DPs vor ihrem Umzug nach Varel. Im Gegensatz zu anderen Bewohner*innen zog diese Gruppe nicht schon 1951 ein, sondern erst zwischen 1955 und 1959,  obwohl das Altersheim Insula noch mehrere Jahrzehnte bestand.8 Bei vielen der anderen vorherigen Wohnorte handelte es sich vermutlich um „normal[e]“ DP-Lager, wie jenes in Lingen, welches im Juni 1950 aufgelöst worden war,9 woraufhin mindestens 12 der dort lebenden Menschen nach Varel kamen.

Doch nicht nur bei der Schließung von Lagern oder Heimen zogen neue Bewohner*innen nach Varel. Es gab einen Auswahlprozess für mögliche neue Bewohner*innen, nach dem entschieden wurde, wer hier einziehen durfte und wer nicht. Ein solcher Auswahlprozess war nichts Außergewöhnliches für DP-Altersheime. Wie schon erwähnt lag für die meist konfessionellen Heimträger der Fokus zumeist auf der Religion der DPs und nicht unbedingt auf deren Nationalität. Die „Anstalts- bzw. Heimpflegebedürftigkeit“ musste nachgewiesen werden, laut der eine dauerhafte stationäre Betreuung notwendig sei. Grundsätzlich wurden also auch Personen aus anderen DP-Lagern in ein Altersheim gebracht, wenn Ärzt*innen ihnen die Notwendigkeit einer zukünftigen Heimunterbringung attestierten.

  1. Ebd., S. 24.

  2. Huhn, Sebastian: „Im übrigen schickt man die Alten und Gebrechlichen nach Varel“. 2022, https://nghm.hypotheses.org/7246 (abgerufen am 18.08.2025).

  3. Hoffmann, Birgit/ Lammers, Uwe: Von der Privatresidenz zum Tagungszentrum. Die Geschichte von Haus Hessenkopf in Goslar, 1909 - 2009, Wolfenbüttel: Landeskirchenamt 2009, 36f.; Grabe: Grabe 2020 – Die stationäre Versorgung älterer Displaced 2020, 10, 24, 87.

  4. Grabe: Grabe 2020 – Die stationäre Versorgung älterer Displaced 2020, S. 29.

  5. Lembeck, Andreas: Befreit, aber nicht in Freiheit. Displaced Persons im Emsland 1945 - 1950 ; mit Dokumenten, Bremen: Ed. Temmen 1997, S. 62–64.

Ein solches Beispiel ist Alma Aleksijeff. Alma hatte vor Varel im Camp Ammerländer gelebt und zog am 18.06.1950 in das Altersheim in Varel. Dort wurde sie untersucht und ihre Prognose wurde als „not good“ (nicht gut) eingestuft. Außerdem brauche sie Anstaltspflege „for life“ und ihre Arbeitsfähigkeit wurde mit „unfit“ beschrieben. Sie war unter anderem auf einem Auge blind und hatte einige weitere gesundheitliche Probleme (siehe Dokumente unten). Alma war nur eine von vielen ähnlichen Fällen.

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von Hannah Spille
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