Kollaborateurinnen und Kollaboratuere
Unter den Millionen Displaced Persons, die sich nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges in Deutschland befanden, waren nicht nur Menschen, die aufgrund des NS-Regimes fliehen mussten. Neben ihnen wurden in den DP-Lagern auch solche untergebracht, die in ihrem Heimatland mit den deutschen Besatzern zusammengearbeitet hatten.1 Im Altersheim für heimatlose Ausländer in Varel gab es daher ebenfalls Personen, die im Krieg zeitweise auf der Seite der Nationalsozialisten kämpften. So war der Heimbewohner Kārlis Zīverts ein Mitglied der lettischen SS-Legion und Bogomir Pajkić Teil des Serbischen SS-Freiwilligen-Korps. Auch wenn diese Problematik in der heutigen Zeit weniger präsent ist,2 war sie in der Nachkriegszeit durchaus öffentlich bekannt.3
Umso interessanter ist es, dass eine Untersuchung zum Umgang mit Kollaborateurinnen und Kollaborateure (Kollab.) und mutmaßlichen Kriegsverbrecherinnen und Kriegsverbrecher unter ukrainischen DPs zeigte, dass die Suche nach Kollab. bei den westlichen Alliierten keine große Priorität besaß. Die britische Militärverwaltung unternahm selbst keine großen Bemühungen, Kollab. unter den DPs ausfindig zu machen und reagierte in der Regel erst, wenn es konkrete Aufforderungen seitens der Sowjetunion gab. Dementsprechend waren die Screenings der DPs, also deren Überprüfung, in der britischen Besatzungszone nur lückenhaft durchgeführt worden.4
Zur Erklärung dieser Entwicklung lässt sich neben der praktischen Schwierigkeit solcher Screenings insbesondere das Hereinbrechen des Kalten Krieges heranziehen, da dieser die ,,alten Frontstellungen verblassen ließ und jegliche antikommunistischen Kräfte zu potentiellen Bündnispartnern machte.”5 In diesem neuen Konflikt wurden sowohl die baltischen als auch die jugoslawischen Displaced Persons zu Figuren der politischen Ränkespiele des Ost- und Westblocks.6
Aus diesem Grund war es für die Displaced Persons, die aus verschiedenen Gründen nicht mehr in die Sowjetunion zurückkehren wollten, offenkundig von Vorteil, sich vom Kommunismus zu distanzieren. Besonders die politische Vertretung der baltischen DPs führte erfolgreich das Argument an, dass sie lediglich gegen die Sowjetunion gekämpft hätten und somit niemals Feinde der Vereinigten Staaten oder Großbritanniens gewesen seien. So vollzog sich zwischen 1947 und 1948 eine deutliche Wende in der westlichen Haltung gegenüber den lettischen DPs, welche die zunehmende Spaltung zwischen dem Ost- und Westblock widerspiegelte. Die starke anti-sowjetische Einstellung der baltischen DPs und ihrer politischen Vertretung spielte somit genau in diese neue geopolitische Konfliktlage hinein. Obwohl die baltischen DPs im Westen zunächst durchaus mit Sorge als mögliche Kollab. der Nationalsozialisten betrachtet wurden, wurden sie in der öffentlichen Wahrnehmung schließlich hauptsächlich zu Opfern der Sowjetunion und damit zu Verbündeten im Kampf gegen den Kommunismus.
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Höschler, Christian / Jah, Akim: Introduction. In: Höschler, Christian / Jah, Akim (Bearb.): Beyond Europe. Findings on the International Refugee Organization (IRO) in Africa and Asia, 1947-1951. Bad Arolsen 2021, S. 9-16. Hier, S. 12.↩
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Klemp, Stefan: NS-Kollaborateure als Displaced Persons (DPs). In: Boehling, Rebecca / Urban, Susanne / Biener, René (Hg.): Freilegungen. Displaced Persons. Leben im Transit. Überlebende zwischen Repatriierung, Rehabilitation und Neuanfang. Göttingen 2014, S. 255-262.↩
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“Many Among DPs in European Camps are Collaborationists.” Extension of remarks of Hon. Arthur G. Klein of New York in the House of Representatives. August 2, 5, 6, 1948. Congressional Record, 80th Congress, 2. Session, S. 1-4 ; Hellmer, Kurt: Anti-Anti. In: Aufbau. Jg. 14, Nr. 25 (18.06.1948), S. 7 ; Unrechtmässige DP's. In: Aufbau. Jg. 15, Nr. 4 (28.01.1949), S. 4.↩
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Antons, Jan-Hinnerk: Britischer Umgang mit militanten Antikommunisten, Kollaborateuren und mutmaßlichen Kriegsverbrechern unter osteuropäischen DPs. In: Defrance, Corine / Denis, Juliette / Maspero, Julia (Hg.): Personnes déplacées et guerre froide en Allemagne occupée. Brüssel u.a. 2015, S. 61-75. [Bei der in dieser Arbeit verwendeten Version handelt es sich um ein Manuskript, das von Jan-Hinnerk Antons auf Anfrage zugesandt wurde. Die Seitenzahlen sind somit nicht mit denen aus der letztendlichen Publikation identisch.]↩
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Ebd., S. 14.↩
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Denis, Juliette: Hitler’s Accomplices or Stalin’s Victims?. Displaced Baltic People in Germany from the End of the War to the Cold War. In: Le Mouvement Social (2013), S. I-XVIII. Hier, S. II ; Höschler, Christian: From POW to Cold War DP. A Global Microhistory of Former Yugoslav Soldiers in Occupied Germany, 1946–48. In: Itinerario. Jg. 46, Special Issue 2: Forced Migration and Refugee Resettlement in the Long 1940s (2022), S. 251-264. Hier, S. 252, 264.↩
Dieses Phänomen lässt sich besonders am Beispiel der Angehörigen der sogenannten Lettischen Legion erkennen. Obwohl diese lettischen Verbände ein Teil der Waffen-SS waren, erhielten viele ehemalige Mitglieder den DP-Status.8 Dies lässt sich zurückführen auf die sich ,,im Kontext des „Kalten Krieges“ verändernde Praxis der Akzeptanz von solcher Kollaboration mit dem NS-Regime.9
Entscheidend war dabei, dass die Kollaboration mit Deutschland als ein ,,Narrativ des antikommunistischen Freiheitskampfes idealistischer Patrioten”10gedeutet wurde. Ein weiterer Grund, warum die Balten nicht zurück in ihre Heimat repatriiert wurden, waren die geopolitischen Entwicklungen der Kriegs- und Nachkriegszeit. So erkannten die westlichen Alliierten die Annexion der Baltenstaaten durch die Sowjetunion rechtlich nicht an. Da der Staat Lettland als solcher zwar praktisch nicht mehr existierte, Kārlis Zīverts und andere Letten aber ebenso wenig sowjetische Staatsbürger waren, wurde eine Rückführung in ihre alte Heimat grundsätzlich abgelehnt.
Auch für den Umgang der westlichen Alliierten mit serbischen Kollab. unter den DPs lässt sich feststellen, dass hier ebenfalls der Antikommunismus von großer Bedeutung war. Dieser prägte sowohl die westlichen Alliierten als auch die ehemaligen Mitglieder des Serbischen Freiwilligenkorps. So bemühten sich konservative politische Kräfte und Medien sowie verschiedene religiöse Organisationen, die serbischen Kollab. als Antikommunisten und vorbildliche Christen darzustellen. Dabei bewies die Gewalt des kommunistischen jugoslawischen Regimes offenkundig, dass ein fairer Prozess unter den Kommunisten in Jugoslawien nicht möglich sei.
Es zeigt sich also, dass die geopolitische Lage der Nachkriegszeit und dabei insbesondere die neu verschobene Frontstellung des sich anbahnenden Kalten Krieges dazu führte, dass ehemalige Kollab. nun nicht mehr als Feinde, sondern als Verbündete gegen den Kommunismus betrachtet wurden. Dementsprechend wurden sie gemeinsam mit solchen Displaced Persons versorgt, die nicht mit den Deutschen zusammengearbeitet hatten. In diesem Sinne können die folgenden beiden Bewohner des Altersheims für heimatlose Ausländer im beschaulichen Varel als ein konkretes Beispiel für die globalen Entwicklungen der Nachkriegszeit und des frühen Kalten Krieges dienen.
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von David Schober
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