Welche Gruppen lebten im Heim?
Das "Altersheim für heimatlose Ausländer" in Varel bot in den 1950er-Jahren Platz für eine äußerst heterogene Bewohnerschaft. Ihre Lebenswege waren auf unterschiedlichste Weise mit den politischen, wirtschaftlichen und militärischen Verwerfungen der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft, des Zweiten Weltkriegs und deren Folgen verknüpft.
Flucht vor dem Stalinismus
Die größte Gruppe der sich in den westlichen Besatzungszonen befindlichen Displaced Persons bildeten Flüchtlinge aus der Sowjetunion, der Ukraine, Weißrussland und dem Baltikum. Es handelte sich zumeist um Soldaten und Zivilisten, die seit dem Beginn des sowjetischen Vormarschs 1942 in Richtung Westen gezogen waren, um der Roten Armee und einer (erneuten) Unterwerfung unter der Sowjetmacht zu entkommen. Zu ihnen zählten nicht nur Deserteure aus der Roten Armee, Antikommunisten oder Gegner bzw. Opfer des Stalinismus. Eine nicht unerhebliche Zahl hatte im ehemaligen Reichsgebiet für die Deutschen gearbeitet, in Hilfsverbänden der Wehrmacht gedient oder in ihrer Heimat mit der deutschen Besatzung kollaboriert.1
Keine Rückkehr
In den unmittelbaren Kriegsjahren verweigerten viele dieser osteuropäischen DPs die Rückkehr in ihre von der Sowjetunion annektierten Herkunftsländer. Für diese Entscheidung existierten viele Gründe, die sich in der Realität häufig überlagerten. Kollaborateure und Kriegsverbrecher fürchteten sich vor strafrechtlicher Verfolgung und versuchten eine Repatriierung zu vermeiden. Aber auch Opfer der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft mussten in ihrer ehemaligen Heimat Verfolgung befürchten, weil in der UdSSR bereits Kriegsgefangenschaft und Zwangsarbeit als Verdachtsmomente für Kollaboration und politische Untreue galten.2
Ein spätes, wenngleich symptomatisches Beispiel antisowjetischer Fluchtbewegungen lässt sich in Varel am 6. Dezember 1956 nachweisen als nach der Niederschlagung des Ungarn-Aufstandes 28 ungarische Flüchtlinge, darunter acht Kinder, im Altersheim aufgenommen wurden.3
Nationales und religiöses Selbstbewusstsein
Hinzu kam bei vielen eine ausgeprägte politische und ideologische Gegnerschaft zum Stalinismus, die insbesondere unter antikommunistischen, nationalistisch geprägten oder religiösen Gruppen verbreitet war. Für diese Menschen bedeutete eine Rückkehr die Anerkennung eines als illegitim empfundenen Herrschaftssystems. Dieses kulturelle und politische Selbstbewusstsein eigenständig sein zu wollen war unter allen Nationalgruppen weit verbreitet, besonders aber unter den zahlreichen baltischen DPs, die in der Regel mit dem Rückzug der Wehrmacht nach Deutschland gekommen waren und auch im Vareler Altersheim mit einem Umfang von 39% einen großen Teil der Einwohner stellten.4
So organisierten sich die lettischen Bewohner unter dem Präses Julijs Bumanis in einem Lettischen Komitee, gründeten einen volkssprachlichen Chor und riefen am 13. April 1950 sogar eine Ortsgruppe der nationalistisch ausgerichteten Daugavas Vanagi (auf dt. Dünafalken)5 ins Leben. Durch die Organisation von Konzerten, Gedenkfeiern an die sowjetischen Deportationen baltischer Führungskräfte 1940/41 oder durch die Besuche religiöser Autoritäten, wie dem im Exil wirkenden Erzbischof von Riga Teodor Grīnbergs, sollten Identität und Gemeinschaft gestärkt werden. Auch die Litauer und Esten bildeten nationale Komitees, mit Stasys Sarpalius und Karl Busch als die prägenden Figuren.6
NS-Opfer unter den Bewohner*innen
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs gehörte ein erheblicher Teil der verstreuten und außerhalb ihrer Heimatländer lebenden zivilen und militärischen Personen zu den Überlebenden der nationalsozialistischen Verfolgung. Vor der Befreiung hatten nicht wenige von ihnen eine Inhaftierung in Konzentrations- oder Kriegsgefangenenlagern erlitten, viele andere waren als Zwangsarbeiter ausgebeutet worden.7
Auch im Altersheim in Varel lebten Menschen, die zu Opfern nationalsozialistischer Gewalt geworden sind. Dazu zählten in erster Linie die Polen und Polinnen, die Ende 1955 mit 89 Personen knapp 12% der Bewohner*innen ausmachten. Im Gegensatz zu den Balt*innen liegen für die Gruppe der Opfer kaum Nachweise für Vereinsbildung, kulturellem Engagement oder öffentlicher Erinnerungspraxis vor. Mögliche Gründe reichen von Alter und Krankheit bis hin zu nachwirkender Stigmatisierung durch Zwangsarbeit und Haft.
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Frerichs: Altersheim, S. 10f.↩
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Edele: Soviet Veterans, S. 102-104; Baron: Remaking Soviet Society, S. 89-116; Frerichs: Altersheim, S. 10. ↩
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Denis: Displaced Baltic People, S. 82f.↩
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Frerichs: Altersheim, S. 10f.↩
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Bei den „Dünafalken“ handelte es sich um eine 1945 gegründete Unterstützungsorganisation, die sich um frühere Kriegsteilnehmer und deren Familien kümmerte. Im Mittelpunkt standen dabei vor allem ehemalige Mitglieder der sogenannten „Lettischen Legion“, einer Einheit, die im Zweiten Weltkrieg in Uniformen der Waffen-SS an der Seite der deutschen Wehrmacht gegen die Sowjetunion kämpfte. Ob und inwieweit diese Legion in deutsche Verbrechen im Baltikum (etwa an Aktionen gegen Widerstandkämpfer oder die jüdische Bevölkerung) verwickelt war, ist unter Historiker*innen bis heute umstritten, vgl. Frerichs: Altenheim. ↩
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Frerichs: Altersheim, S. 8; Denis: Displaced Baltic People, S. 81; Höschler: Displaced Persons, S. 13.↩
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Frerichs: Altersheim, S. 14.
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von Anna Asbrock
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