Herkunft und Glauben in Varel
Trotz der katholischen und evangelischen Trägerschaft des „Altersheims für heimatlose Ausländer“ in Varel lebten Menschen verschiedener Konfessionen im Heim.1 Zudem kamen die Bewohner*innen aus diversen Ländern und Gebieten. Oftmals gab es einen Zusammenhang zwischen der Herkunft einer Person und ihrer Religion. Finden sich solche Zusammenhänge auch unter den Bewohner*innen des Altersheims? Die Grundlage, um diese Frage zu beantworten, bilden die Meldekarten der Bewohner*innen des „Altersheims für heimatlose Ausländer“ der Stadt Varel.2
Religion
Insgesamt finden sich 14 verschiedene Konfessionen auf den Karteikarten. Jedoch fehlt für 66 Personen die Angabe, welcher Religion sie angehörten. Die 1386 Personen, deren Religionszugehörigkeit auf einer der Meldekarten vermerkt ist, teilten sich wie folgt auf:
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Religion |
Anzahl |
|
evangelisch |
644 |
|
orthodox |
349 |
|
katholisch |
339 |
|
keine Angabe |
66 |
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griechisch-katholisch |
21 |
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baptist |
20 |
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adventistisch |
4 |
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griechisch-orthodox |
3 |
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church of England |
1 |
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evangelisch-reformistisch |
1 |
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lutherisch |
1 |
|
protestantisch |
1 |
|
evangelisch-orthodox |
1 |
|
jüdisch |
1 |
Bei Betrachtung der Tabelle treten drei Gruppen besonders hervor. So waren etwa 44 % der Bewohner*innen evangelisch, 24 % orthodox und 23 % katholisch. Somit gehörten 91 % der Bewohner*innen einer der drei christlichen Religionsgruppen an.
Es ist wichtig zu erwähnen, dass die Angaben nicht unbedingt repräsentativ sind. In anderen Dokumenten werden Personen, die auf den Karteikarten orthodox gekennzeichnet wurden, z. B. als griechisch-orthodox bezeichnet. Zum Beispiel finden sich für Fedor und Zinaida Korowchenko in den Lagerbüchern des DP-Lagers Heidenau die Eintragungen griechisch-orthodox, wohingegen die Karteikarten nur orthodox und für Zinaida „weißr.“ notiert.3 Es scheint, als sei insbesondere bei den verschiedenen kleineren Konfessionsgruppen nicht weiter differenziert worden. Anstelle dessen wurde griechisch-orthodoxen Personen der orthodoxe Glaube zugeschrieben. Ähnliche Phänomene sind auch bei Anhängern der griechisch-katholischen und serbisch-orthodoxen Kirche zu beobachten.
Das nahezu vollständige Fehlen von Menschen nicht-christlichen Glaubens stimmt mit Beobachtungen aus anderen Heimen überein.4 Da über den Glauben der Personen ohne Angaben nur spekuliert werden kann, können zu dieser Gruppe keine Angaben getätigt werden.
Für weitere Informationen über den Glauben im Alltag der Menschen siehe hier.
Herkunft
Die Angaben zur Herkunft der DPs müssen, im Kontext der Zeit gesehen werden, in der sie entstanden. Auf den Karteikarten finden sich Angaben über den „Geburtsort“ und den „Geburtskreis“ der Bewohner*innen. In den meisten Fällen wurde die Bezeichnung „Geburtskreis“ als das Land interpretiert, in dem Personen geboren wurden.
Doch ist der Großteil der Personen, die in dem Vareler Heim lebten, vor Ausbruch des Zweiten und oftmals auch des Ersten Weltkriegs geboren worden. In dieser Zeit veränderten sich die Grenzen des europäischen Kontinents. Länder entstanden, aber verschwanden auch wieder von der Karte. Auf den Karteikarten wurde die Stadt Pinsk bei zwei Personen Polen zugeordnet, bei einer Person Russland und bei vier Personen Weißrussland. Bei einer Person fehlt jegliche Angabe zum „Geburtskreis“. Ein weiteres Beispiel ist die Stadt Charkow, die bei einer Person zu Lettland gehörte, bei zweien zu Polen und bei dreien zu Russland. Diese beiden Beispiele verdeutlichen, dass die Angaben zum „Geburtskreis“ mit Vorsicht zu interpretieren sind. Denn „[b]ei der Frage der nationalen Zuordnung war nicht zuletzt auch entscheidend, wie sich die DPs selbst definierten.“5
Die Angabe zum „Geburtskreis“ kann Rückschlüsse auf die Nationalität der Person geben, muss dies aber nicht. Zwar wurde auch auf den Karteikarten die Nationalität abgefragt, doch fehlt diese Angabe bei nahezu allen Ehefrauen und auch auf dem Rest der Karten wurde bei 1137 Personen „ungeklärt“ angegeben (Für mehr Informationen siehe hier).
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ID: 816, 817; Lagerbücher des DP-Lagers Heidenau , 3.1.1.2/81990606/ ITS Digital Archive, Arolsen Archives.↩
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Grabe, Nina: Die stationäre Versorgung älterer Displaced Persons und "heimatloser Ausländer" in Westdeutschland (ca. 1950-1975), Stuttgart: Franz Steiner Verlag 2020, S. 135.↩
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o.A.: Hintergrundinformationen zu DP-Dokumenten, https://eguide.arolsen-archives.org/zusatzmaterialien/hintergrundinformationen-zu-dp-dokumenten/ (abgerufen am 19.08.2025).↩
Für mehr Informationen über die Schwierigkeiten mit den Angaben zur Nationalität und zum „Geburtskreis“ siehe hier.
Bei einem Großteil der Bewohner*innen (38%) wurde Lettland als „Geburtskreis“ angegeben. Darauf folgten Menschen, die den Meldekarten zufolge in Polen (19%), in Estland (10 %) und in Litauen (10 %) geboren wurden.
Insgesamt wurden (wenn die Karten entsprechende Angaben aufweisen) etwa 40 verschiedene „Geburtskreise“ auf den Karteikarten genannt. Unter diesen gab es Dopplungen oder Gebiete, die heute nicht mehr als ein Land angesehen werden würden. Dazu zählen Gebiete wie die Krim oder Königsberg. Angaben wie „Polen–Ukraine“ oder „Polnische Ukraine“ finden sich jeweils zweimal.
Eine von diesen Personen war Sophie Karniwsky, die laut ihrer Karteikarte in Posen geboren wurde. Trotzdem wurde auf diesen Dokumenten ihre Nationalität als polnisch bezeichnet. Mit 44 Jahren zog sie nach Varel in das Altersheim Trotz jungen Alters verstarb Karniwsky bereits im Jahr 1956. Vor Varel war sie schon seit 1945 in verschiedenen Krankenhäusern untergebracht worden. Von Wermelskirchen über Salzkotten und Hamborn, war sie scheinbar schon länger krank. Als Diagnosen wurden 1950, nach ihrem Einzug in Varel, „Sclerosi multiplex“ (Multiple Sklerose) und „Ataxia“ (Ataxie) vermerkt. Es wurde angenommen, dass sie ihr restliches Leben gepflegt werden müsse und nie wieder arbeiten könne. Diese Einschätzung bestätigte sich mit ihrem frühen Tod.6
Aufgrund dieser Unklarheiten über die wirkliche Herkunft der Bewohner*innen ist es nicht überraschend, dass der Vareler Lokalhistoriker Holger Frerichs in seinen Recherchen 109 Ukrainer*innen und 16 Russ*innen, die im November 1955 in Varel leben sollten, ermittelte.7 Diese Zahlen weichen deutlich von den Angaben der Kartei ab. Obwohl in der Abbildung (oben) nicht zwischen den Einzugsjahren unterschieden wurde, wird deutlich, dass laut Kartei nie mehr als 54 Personen mit dem „Geburtskreis“ Ukraine in Varel gelebt haben sollen. Doch Frerichs fand in anderen Unterlagen insgesamt 109 Personen, die als Ukrainer*innen bezeichnet wurden. Dieses Beispiel verdeutlicht erneut, dass die Angaben solcher Zahlen immer von der Person abhängen, die die Listen zusammenstellt, dem Verwendungszweck und den befragten Personen.
Religion und Herkunft
Doch welchen Einfluss hat nun der „Geburtskreis“ darauf, welcher Religion eine Person angehört?
In vielen Fällen wurden Displaced Persons je nach Herkunft bzw. Nationalität auf die verschiedenen Lager aufgeteilt, was in Varel nicht anders war. Es wurde versucht, die verschiedenen Gruppen auf die Gebäude des Altersheims aufzuteilen.8 Doch welche Gruppen gab es laut den Karteikarten?
Betrachtet man die drei am häufigsten (gemäß der Kartei) vertretenen Konfessionen, fällt auf, dass von 644 evangelischen Bewohner*innen 558 Lettland oder Estland als ihren „Geburtskreis“ angegeben hatten. Allein die evangelischen, mutmaßlich in Lettland geborenen Personen machten etwa 30 % der gesamten Bewohner*innen des Altersheims in Varel aus. Unter den mutmaßlich in Lettland geborenen Personen wurde bei etwa 78 % der evangelische Glauben vermerkt, unter den mutmaßlich aus Estland stammenden Personen waren es sogar etwa 84 %.
Diese Zahlen stimmen mit anderen wissenschaftlichen Untersuchungen (Siehe Grabe) überein, laut denen besonders viele Lett*innen und Est*innen evangelischer Konfession waren. Etwa 63 Prozent der Personen, die Polen als “Geburtskreis angaben, waren katholisch. Dieses Ergebnis stimmt mit den Beobachtungen in anderen Heime überein. Dennoch waren 25 Prozent dieser Gruppe orthodox.9 Bewohner*innen, die mutmaßlich in Litauen geboren wurden, waren zu 60 % katholisch und zu 27 % evangelisch.
Die Gruppe von Personen, die angeblich in Russland oder der Ukraine geboren wurden, verdeutlicht, dass wahrscheinlich in zahlreichen Fällen keine Unterscheidung zwischen den unterschiedlichen orthodoxen und katholischen Kirchen vorgenommen wurde. So kann davon ausgegangen werden, dass viele der ukrainischen DPs vorwiegend Anhänger der ukrainisch-griechisch-katholischen sowie der ukrainisch-orthodoxen Kirche waren und russische DPs vorrangig der russisch-orthodoxen Kirche angehörten. Für beide Gruppen wurde in der Kartei nur für einzelne Personen die Kirche spezifiziert. So sollte es 36 orthodoxe, zehn katholische, sechs griechisch-katholische und zwei evangelische in der Ukraine geborene Personen geben. Unter den Personen, die angeblich in Jugoslawien geboren wurden, waren 85 von 92 Personen orthodox. Vermutlich gehörte ein großer Teil dieser Gruppe jedoch der serbisch-orthodoxen Kirche an.10
Trotzdem lässt sich für einen großen Teil der Bewohner*innen ihre Religion von ihrem „Geburtskreis“ ableiten. Zu den größten Gruppen zählten die evangelischen Lett*innen und Est*innen, die katholischen Pol*innen und Litauer*innen und die orthodoxen Ukrainer*innen, Russ*innen und Jugoslaw*innen. Bei Letzteren sollte zwischen den verschiedenen Kirchen unterschieden werden. Trotzdem gab es Gruppen, wie die polnischen und litauischen Bewohner*innen, mit einer höheren Varianz unter den Religionen. Dennoch dominierte in beiden Gruppen eine Konfession mit jeweils über 60 %. Es lässt sich also festhalten, dass es einen Zusammenhang zwischen der Religion und dem „Geburtskreis“ der Bewohner*innen in Varel gab.
Welchem Gebäude des Altersheims welche Konfessions- oder Nationalitätsgruppe zugeordnet war, lässt sich anhand der Karteikarten nicht rekonstruieren, da entsprechende Angaben fehlen. Nach der Schließung des Vareler Heims 1959 bzw. 1960 änderte sich dies. Es wurde versucht, die übrigen Bewohner*innen nach Nationalität und Religion auf die neuen Heime aufzuteilen. Dazu finden Sie hier mehr Informationen.
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von Hannah Spille
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