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Zusammenleben im Heim

Altersheim für heimatlose Ausländer 050a.jpg

Haus I im Altersheim Varel. Quelle: Heimat- und Stadtarchiv Varel.

Zusammenleben im Heim

Wer denkt, dass das gemeinsame Leben in einem Altersheim vollkommen konfliktfrei war, irrt sich. Auch im Altersheim für Displaced Persons in Varel war das Zusammenleben mit Problemen verbunden. Dies ist auch kein Wunder, stammten die knapp 1.000 Bewohner doch aus vielen verschiedenen Ländern und waren Mitglieder unterschiedlicher Glaubensgemeinschaften.

Einen genaueren Einblick in das Zusammenleben der Bewohner des Altersheims bietet die Fürsorgerin Dorothea Loescher mit ihren Monatsberichten. Neben gemeinsamen Feierlichkeiten der Bewohner und Freizeitaktivitäten berichtet sie auch von Streitigkeiten, die unter den Insassen ausbrachen. Zwar wurde versucht, die Bewohner ihren Nationen und Religionen entsprechend auf unterschiedliche Gebäude des Heims aufzuteilen, um Konflikte zu vermeiden, doch gänzlich unterbinden, ließen sich die Auseinandersetzungen nicht.

„Es wurde sogar der Vorschlag gemacht, einige bestimmte Personen aus dem Heim zu entfernen, damit wieder Ruhe und Frieden einkehren könne.“1 

Drei Aspekte hätten das gemeinsame Leben der Bewohner des Altersheims erschwert: Die unterschiedlichen Konfessionen, echter und falscher Nationalismus sowie die existierenden Vorurteile zwischen den Menschen aus West- und Osteuropa.2 So berichtet Loescher, dass eine Gruppe des lettischen Nationalkomitees Unruhe gestiftet habe, indem die Mitglieder herumgegangen seien und anderen Bewohnern erzählt hätten, wie schlecht es doch im Heim sei. Die Mitglieder seien so aufdringlich gewesen, dass sich eine neue Bewohnerin sogar nicht mehr aus ihrem Zimmer getraut habe.3 Die Fürsorgerin schreibt: „Es wurde sogar der Vorschlag gemacht, einige bestimmte Personen aus dem Heim zu entfernen, damit wieder Ruhe und Frieden einkehren könne.“4 Es handelte sich dabei aber nicht um ein Problem, von dem nur der Standort Varel betroffen war. So habe sich die Heimleitung im Lager Wehnen mit einem ‚volksdeutschen Komitee‘ auseinandersetzen müssen.5 Loescher betonte aber, dass der Rauswurf der Unruhestifter für sie keine Lösung sei. Sie wollte stattdessen das Gespräch suchen und einen Ausgleich zwischen den Menschen schaffen.6 Dies versuchte sie bereits ein halbes Jahr zuvor: „Leider ist in einzelnen Volksgruppen wieder verstärkter Nationalismus zu bemerken. Ich möchte versuchen nach meinem Urlaub am 2. August diesem entgegenzutreten durch regelmäßige Diskussionsabende oder Rundgespräche innerhalb unseres Heimes.“7 

Auch wenn das Personal stets bemüht war, die Konflikte mit Gesprächen zu regeln, war die Vorgehensweise nicht immer mit Erfolg verbunden. So wurde ein russischer Professor namens Lwoff Leontieff von einigen Mitbewohnern bezichtigt, ein linker Marxist und russischer Spion zu sein.8  In einem Beschwerdebrief an den Oberkirchenrat Kloppenburg heißt es: „Er will die Macht über die alten Leute haben und behandelt die wie kleine Kinder. Ja ich würde raten, daß er das Lager verläßt und seine große Tätigkeit woanders ausübt.“9 Der Konflikt erreichte seinen Höhepunkt, als ein Artikel in der Zeitung der Russischen Emigartion über Leontieff erschien. Er trug den Titel ‚Das Rote Ungeheuer Varels‘. Leontieff versuchte sich dagegen zu wehren, indem er unter anderem davon berichtete, ein Vorstandsmitglied des Bundes russischer Journalisten, einer Vereinigung emigrierter antibolschewistischer Schriftsteller, in Frankreich gewesen zu sein.10 Schließlich wurde er nach München verlegt, wobei Oberkirchenrat Kloppenburg betonte, dass er den Professor immer als angenehm empfunden habe.11 

„Wenn es darauf ankommt, stehen wir alle untereinander und auch mit Euch Deutschen auf Gedeih und Verderb zusammen“12 

Das bedeutet aber nicht, dass das Zusammenleben von ständigen Streitereien geprägt war. Ganz im Gegenteil: das Vareler Heim hielt dank des offenen Umgangs in der Unordnung zusammen. Die Fürsorgerin Dorothea Loescher kommentierte 1954 nämlich auf die Frage, ob die Arbeit der Kirche im Heim von Erfolg gekrönt sei: „Die Hausgemeinschaft ist so stark geworden, daß sie in vielen Fällen die nationalen und konfessionellen Gegensätze überwindet.“13 

In einem anderen Bericht aus dem Jahr 1952 schrieb sie:

„Unsere Alten genießen eine größere persönliche Freiheit […]. Es herrscht hier in Varel auch eine größere geistige Regsamkeit und wir haben uns bemüht, diese geistige Regsamkeit wach zu halten und für Nahrung zu sorgen. […] Dafür haben wir hier aber auch die Brücke zur deutschen Bevölkerung und vor allen Dingen zur deutschen Kirchengemeinde mit Erfolg geschlagen. Unsere Alten fühlen sich nicht mehr isoliert.“14 

  1. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 20. Januar bis zum 10. Februar 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  2. Dorothea Loescher: Antwort vom 24. Oktober 1951 auf das Schreiben von Oberkirchenrat Kloppenburg zur Belegungsstärke des Altersheims, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  3. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 20. Januar bis 20. Februar 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  4. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 20. Januar bis zum 10. Februar 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  5. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 16. Januar bis zum 15. Februar 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  6. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 20. Januar bis zum 10. Februar 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  7. Monatsbericht der Fürsorgerin im D.P. Altersheim Varel vom 15. Mai bis zum 30. Juni 1951, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  8. Antwort von Professor Lwoff Leontieff vom 17. Juli 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  9. Beschwerdebrief gegen Professor Lwoff Leontieff vom 19. August 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  10. Antwort von Professor Lwoff Leontieff vom 17. Juli 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  11. Oberkirchenrat Kloppenburg schreibt an Probst Paul Sawizky über Leontieff am 3. September 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  12. Dorothea Loescher: Loeschers Stellungnahme zur Arbeit der kirchlichen Organisationen in dem Altersheim für heimatlose Ausländer vom 15. September 1954, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  13. Dorothea Loescher: Loeschers Stellungnahme zur Arbeit der kirchlichen Organisationen in dem Altersheim für heimatlose Ausländer vom 15. September 1954, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

  14. Dorothea Loescher: Bericht zur Arbeit beim Altersheim für heimatlose Ausländer Varel Abteilung Fürsorge vom 28. August 1952, Archiv der Ev.-Luth. Kirche in Oldenburg, Ortsakten OKR 1849-1958, 2455, Varel: D.P. – Altenheim Varel (Altenheim für heimatlose Ausländer).

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von Julian Tischer
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