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Die Topographie des DP-Altersheims

Zwischen Verwaltungsbau, Wohnhäusern, Gewerbe und öffentlichen Einrichtungen wirkt das Gelände, auf dem in den 1950er-Jahren das größte Altersheim für DPs in der europäischen Nachkriegszeit stand, heute vollständig neu geordnet. Die bauliche Vergangenheit ist weitgehend überformt; an das DP‑Altersheim erinnert vor Ort kaum etwas.1 Um sich dieser Vergangenheit anzunähern, nutzen wir einen geschichtswissenschaftlichen Zugang, der den Ort als Konfliktlandschaft versteht: Darunter fallen einerseits – im direkten, wörtlichen Sinn – Räume, an denen sich physische Auseinandersetzungen ereignet haben (z. B. Schlachtfelder), über die es in einem weiteren Sinne widersprechende Deutungen gibt. Andererseits umfasst der Begriff aber auch Räume, deren „Konflikt“ allgemeiner aus ihrer Schichtung erwächst: syn‑ und diachrone Bedeutungen, narrative wie architektonische Leerstellen, geprägt vom Spannungsverhältnis von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit. Ausgangspunkt ist daher das Beobachtbare: was am Boden und aus der Luft erkennbar ist. Diese Überreste lesen wir als Spuren, die – im Sinne Johann Gustav Droysens – „aus jenen Gegenwarten, deren Verständnis wir suchen, noch unmittelbar vorhanden [sind]".3 

Mit dem Abzug der Bundeswehr setzte im Jahr 2010 eine städtebauliche Neukonzeption ein. Es entstand eine Mischung aus Wohnen, Gewerbe und öffentlichen Nutzungen. Weil eine Dekonstruktion hier wenig freilegt, wählen wir den Weg der Rekonstruktion: Wir fügen Karten, Luftbilder, Fotografien und verortbare Punkte so zusammen, dass die Schicht des DP-Altersheims wieder lesbar wird.

  1. Von der Gründung Anfang 1950 bis zum "Gesetz über die Rechtsstellung heimatloser Ausländer" vom 25. April 1951 hieß es "DP-Altersheim", danach "Altersheim für heimatlose Ausländer".

  2. Droysen, Johann Gustav (1882): Grundriss der Historik, dritte, umgearbeitete Auflage, Leipzig: Verlag von Veit & Comp., Seite 14.

Eine Spurensuche vor Ort (Gegenwart)

Nordseite Dienstleistungszentrum Landkreis Friesland (Varel).

Nordseite des Dienstleistungszentrum Landkreis Friesland (Varel). Quelle: Privatl, 24.01.2025. 

Streift man vom Steinbrückenweg kommend durch das Waldviertel, eröffnet sich ein modernes, teils noch im Umbau befindliches Areal: eine Mischung aus Wohnen, Gewerbe und öffentlichen Nutzungen. Dem geübten Auge erschließen sich vereinzelt jedoch noch architektonische Überreste der ehemaligen Friesland-Kaserne. Das Dienstleistungszentrum des Landkreises Friesland (Varel) bewahrt trotz neuer Fassade Proportion und Tiefe eines ehemaligen militärischen Unterkunftsgebäudes. Folgt man der Karl‑Nieraad‑Straße westwärts, öffnet sich südlich ein größerer Platz mit Fahrzeughallen und überdachten Abstellflächen – der frühere Technische Bereich der Kaserne. Folgt man demselben Weg zurück, fällt ein tonnenschwerer Findling an der Südostseite des Dienstleistungszentrums ins Auge: Er erinnert an die Friesland-Kaserne (1961–2006).

Viel mehr verrät das Areal nicht mehr über seine Vergangenheit. Mit der städtebaulichen Neukonzeption setzten umfangreiche Veränderungen ein: Alte Bausubstanz wurde abgerissen, Flächen eingeebnet, Neubauten errichtet. Hier hat sich also einmal ein Altersheim für „heimatlose Ausländer“ befunden? Der Ort lässt sich schwerlich dekonstruieren. Daher wollen wir uns in die Vergangenheit des Ortes begeben, angefangen mit der ersten für uns relevanten Schichtung: die Übernahme des Ortes durch die Kriegsmarine.

Die militärische Nutzung (1941-48)

Amtskarte 1947, Gemarkung Varel-Stadt.

Amtskarte 1947, Gemarkung Varel-Stadt, Flur 13, Blatt 1, Beiblatt 5. Quelle: GeoBasis-DE/LGLN 2025.

Den Ausgangspunkt der Rekonstruktion bildete die bauliche Weichenstellung durch die Kriegsmarine in den frühen Jahren des Zweiten Weltkriegs. Bis 1940/ 1941 befanden sich die Flurstücke der späteren Kaserne in privatem Besitz. Danach übernahm das Deutsche Reich (Kriegsmarine) das Areal und errichtete bis 1942 die Kaserne. Die amtliche Erstaufnahme der militärischen Bauten wurde auf einer Amtskarte von 1947 dokumentiert. Zentral, in Ost-West Ausrichtung, sind fünf H-förmige Gebäude verzeichnet. Östlich des letzten dieser fünf Baukörper liegt ein rechteckiger Bau (grob in Ost-West-Orientierung). Am südöstlichen Kartenrand erscheint ein länglich-rechteckiger Bau, nah an einer Straße gelegen. Rot eingezeichnete Bauten kennzeichnen ihre Ersterfassung, wohingegen Schwarz für Bestandsgebäude steht. Das waren die Kerngebäude der ehemaligen Kriegsmarine-Kaserne.

Nach dem Kriegsende in Varel am 5. Mai 1945 belegten zunächst kanadische Truppen die Kaserne, 1946 folgten britische, 1947 dänische Einheiten. Am 10. Juni 1948 ging die Anlage in die Verwaltung der IRO über. Bis Dezember 1949 waren dort rund 3.000 polnische DPs untergebracht.

"DP-Altersheim"/ "Altersheim für heimatlose Ausländer" (1950-59)

Reichskatasterkarte 1957, Gemarkung Varel-Stadt.

Reichskatasterkarte 1957, Gemarkung Varel-Stadt, Flur 1.
Quelle: GeoBasis-DE/LGLN 2025.

Nach Umbauten der Stuben in den Unterkunftsgebäuden zogen im Januar/Februar 1950 etwa 1.000 ältere DPs ein – überwiegend als „hard core“-Fälle eingestuft. Die neuen Bewohner:innen stammten vor allem aus Osteuropa. Mit der Übernahme der Lagerverantwortung durch deutsche Stellen Mitte 1950 und der Neuordnung der Rechtsstellung als „heimatlose Ausländer“ im Jahr 1951 wurde das Lager in der Folge zum „Altersheim für heimatlose Ausländer“.

Räumlich blieb die Kasernenstruktur grundsätzlich bestehen. Die fünf zentralen H-Gebäude wurden als Unterkunftsgebäude (Haus I–V) weitergenutzt. Auch der rechteckige Bau östlich davon (Kesselhaus) fungierte weiterhin als Heizwerk des Areals. Das Gebäude südlich davon am Steinbrückenweg, die ehemalige Hauptwache, wurde zum Verwaltungsgebäude. Eine amtliche Karte von 1957 führt diese Gebäude allesamt als Bestandsgebäude. Neubauten auf dem Gelände des Altersheims sind auf der Karte nicht aufgeführt. Dennoch entstanden im Laufe der 1950er-Jahre eine Reihe von baulichen Veränderungen. So entstand nördlich des Hauses I eine Kantine für die Bewohner:innen. Auf einer Freifläche südlich der Häuser I-IV entstand eine Nutzfläche, um „Gärten anzulegen und auch Kleintierhaltung zu betreiben“. Die untenstehende Galerie zeigt Aufnahmen der erwähnten Gebäude und Orte. Die Fotos sind allesamt undatiert, wurden vermutlich aber Mitte der 1950er-Jahre aufgenommen.

Die Bundeswehr übernimmt (1959-2006)

Luftbild Kaserne Varel, 1965.

Luftbild Kaserne Varel, 1965. Quelle: GeoBasis-DE/LGLN 2025.

Im Jahr 1959 meldete die neugegründete Bundeswehr Bedarf an der ehemaligen Kriegsmarine-Kaserne an. In der Folge mussten die rund 460 verbliebenen Bewohner:innen des Altersheims in andere Unterkünfte umziehen.5 Das Areal wurde anschließend umgebaut und erweitert, um den militärischen Anforderungen zu genügen; zugleich blieben die Kerngebäude aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs – bereits während der Heimphase genutzt – bestehen.


Am 1. März 1961 zog das Panzergrenadierbataillon 311 (PzGrenBtl 311) in die Friesland-Kaserne ein. Die baulichen Veränderungen lassen sich in einem Luftbild von 1965 nachvollziehen: Der gesamte Bereich südlich der Häuser I–V, zuvor Kleingärten und Nutzflächen der Heimbewohner:innen, erscheint als Baufläche. Neu entstanden u. a. Unterkunfts- und Lehrsaalgebäude (17, 18, 47), ein Wirtschafts- und ein Sanitätsgebäude (15, 16) sowie zwei Stabsgebäude (12, 14). In den folgenden Jahren erweiterte man die Kaserne schrittweise: nördlich des Technischen Bereichs kamen Ausbildungs- und Instandsetzungshallen (55, 56) hinzu; westlich entstand ein Sportplatz (58). Die stationierte Einheit wurde 1981 zum Panzergrenadierbataillon 313 (PzGrenBtl 313) und 1993 zum Fallschirmjägerbataillon 313 (FschJgBtl 313), das bis zur Aufgabe des Standorts durch die Bundeswehr verblieb.

  1. Frerichs, Holger (2023): Das „Altersheim für heimatlose Ausländer“ in Varel 1950 bis 1959, Oldenburg: Isensee Verlag, Seite 34.

Das Waldviertel – städtebauliche Neukonzeption (seit 2006)

Mit der Ankündigung der Aufgabe der Kaserne im Jahr 2006 und dem Abzug der Truppen im Jahr 2007 sowie der Räumung bis 2009 fiel das rund 34 Hektar große Areal für einige Zeit still. Ab dem Jahr 2010 öffnete ein Rahmenplan die frühere Kaserne für die Stadt: Wege wurden neu gezogen, Zäune verschwanden, und Schritt für Schritt entstanden Verwaltung, Wohnen, soziale Einrichtungen und Gewerbe – der abgeschlossene Militärstandort wurde zum öffentlichen Quartier. Bis 2015 veräußerte die Bundesanstalt für Immobilienaufgaben (BIMA) Teilflächen der ehemaligen Kaserne an die Stadt Varel und private Investoren. Bereits 2012 konnte der westliche Sportplatz geräumt und wieder aufgeforstet werden.

Nach einer Sanierung entstand im ehemaligen Haus II (H-Gebäude) das Kreisdienstleistungszentrum, wohingegen die weiteren H-Gebäude (Haus I, III-V) nach und nach abgerissen wurden. Das Wirtschafts- und das Lehrsaalgebäude (15, 17) machte Platz für das Altenheim "Wohnpark Varel" sowie das "Hospiz Wattenmeer". Der östliche ehemalige Kasernenbereich ist zum Wohngebiet geworden, wohingegen Teile des ehemaligen Technischen Bereichs im Westen von dem Stadtbetrieb Varel bzw. der Papier- und Kartonfabrik Varel genutzt werden.  Im Jahr 2024 wurde die letzte Lücke geplant: eine Veranstaltungsfläche mit Reisemobil‑Stellplatz sowie kleine Gewerbeerweiterungen im Bereich des ehemaligen Hubschrauberlandeplatzes.

Was blieb vom Militär? Erhalten blieben also ausgewählte Bestände: das überformte Unterkunftsgebäude (Haus II) als Kreisdienstleistungszentrum, die nördlich anschließende Erschließungsstraße aus Betonplatten samt Parkplatz sowie im ehemaligen Technischen Bereich Fahrzeugunterstellhallen und ein großes Schleppdach (21, 21, 23), sowie zwei Instandsetzungshallen nördlich der Papierfabrik (55, 56). Zudem blieben südlich des heutigen Hospizes zwei ehemalige Unterkunftsgebäude (18, 47) erhalten, die heute als Wohnhäuser genutzt werden.

Topografisches Material

Im untenstehenden Universal Viewer sind alle Karten, Luft- und Satellitenbilder in chronologischer Reihenfolge ihrer Aufnahme hinterlegt. Dadurch lässt sich individuell die Entwicklung des Areals von der ehemaligen Kriegsmarine-Kaserne über das DP-Altersheim und die Friesland-Kaserne bis hin zum heutigen Waldviertel nachvollziehen.

Geolokalisierte Karte

Die untenstehende Karte zeigt Fotos aus unterschiedlichen Zeitphasen am jeweiligen Ort. Ein Marker markiert entweder den Standort des Objekts oder – bei Überblicksaufnahmen – den vermuteten Standpunkt der Kamera.

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von Benjamin Rosenstengel
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Die Topographie des DP-Altersheims