Erinnern und Lernen
Ist das Geschichte oder kann das weg?
Wirft man aus der Gegenwart den Blick zurück, so lässt sich deutlich konstatieren, dass das heutige Waldviertel eine wechselvolle Vergangenheit durchlaufen hat. Von der Kriegsmarine über Displaced Persons bis zur Bundeswehr und den heutigen Neubauten: Alle Akteur:innen haben sich mit ihren individuellen Schichtungen materiell wie narrativ in unterschiedlichem Maße in den Ort eingeschrieben. Aus Erinnerungs-Perspektive ist vor allem die Bundeswehrzeit sichtbar: Ein im Jahr 2018 eingeweihter Findling erinnert an die „Friesland-Kaserne 1961–2006“. Während der Garnisonsjahre prägten Rituale wie Gelöbnisse, aber auch die bloße Sichtbarkeit der Bundeswehr, das Stadtbild. Tausende Soldaten (wie auch eine geringere Anzahl Soldatinnen) verrichteten ihren Wehrdienst in Varel und wurden somit zu Multiplikatoren ihrer eigenen und der Erinnerung der Bundeswehr selbst.
Dadurch, aber auch durch gelegentliche Presse-Rückblicke auf die Zeit der Bundeswehr, wird die Erinnerung aufrechterhalten; sie ist auch aufgrund des geringen Zeitabstands – Abzug der Bundeswehr ab 2006 – stärker im kommunikativen Gedächtnis verankert.1 Dagegen blieb das „Altersheim für heimatlose Ausländer“ jahrzehntelang unsichtbar – ohne Ort des Gedenkens. Erst im Jahr 2021 regte sich Interesse für die 63 noch verbliebenen Grabsteine von ehemaligen Bewohner:innen, in dessen Folge auf dem Friedhof eine Gedenkort entstand, der 2023 eröffnet wurde. Eine umfangreiche Arbeit zum Thema „Das ‚Altersheim für heimatlose Ausländer‘ in Varel 1950 bis 1959“ veröffentlichte der Vareler Historiker Holger Frerichs im Jahr 2023. Das bis dato vorliegende Vergessen dieser Episode in der Vareler Geschichte mag unterschiedliche Gründe haben. Am deutlichsten aber ist, dass alle ehemaligen Bewohner:innen mittlerweile verstorben sind. Erinnerung erscheint damit als Ergebnis von Auswahlprozessen im sich entwickelnden kulturellen Gedächtnis: Manche Geschichten wurden tradierbar gemacht, andere blieben im Schatten.
-
Assmann, Jan (2007): Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politische Identität in frühen Hochkulturen, 6. Aufl., München: C.H.Beck, Seite 48-56. ↩
Konfliktlandschaft und Überlagerung
Das ehemalige Kasernengelände lässt sich als Konfliktlandschaft lesen – nicht durch offene Deutungskämpfe, sondern durch Überlagerungen, Eingriffe und Leerstellen. Kriegsmarine-Bauten, Besatzungsphasen (kanadisch, britisch, dänisch), die ca. 3000 polnischen DPs, gegen die sich öffentlicher Protest richtete, das DP-Altersheim, die Bundeswehr und heutige Neubauten bilden ein Palimpsest der Nutzungen. Sichtbar bleiben vor allem militärische Spuren (Gebäude und bauliche Eingriffe) und Erinnerungszeichen (Gedenkstein); punktuell sind auch kanadische Relikte präsent, materiell als wiederentdeckte Warnschilder (die sich allerdings nicht am Ort befanden)5 oder immateriell durch den Besuch des Sohnes eines kanadischen Besatzungssoldaten.6 Demgegenüber blieben Erfahrungen der älteren DPs lange unsichtbar, bis der Friedhof seit 2023 Namen und Biografien wieder sichtbar machte und das Interesse in der Folge zunahm. Diese Erinnerungshierarchie verweist gleichwohl auch auf soziale Machtverhältnisse: Wer verfügt über Ressourcen, Netzwerke und Deutungshoheit, um Erinnerung zu verankern – und wer nicht?7
-
Ulbrich, Olaf (2020): Noch immer erinnert in Varel vieles an Kanadier, in: NWZonline, 15.05.2020,https://www.nwzonline.de/friesland/varel-dangast-kriegsende-vor-75-jahren-noch-immer-erinnert-in-varel-vieles-an-kanadier_a_50,8,1008182097.html [abgerufen am 30.08.2025]. ↩
-
NWZ, 25.09.2024, Seite 11. ↩
-
Rass, Christoph/ Adam, Mirjam/ Stele, Andreas (2022): Das ›Verdun der Eifel‹? Narrative der ›Schlacht im Hürtgenwald‹ und ihrer Schauplätze seit 1945, in: ders./ dies. (Hrsg.): Konfliklandschaften interdisziplinär lesen, Göttingen: V&R unipress, Universitätsverlag Osnabrück, S. 207-42, hier: 212. ↩
Erinnern und Lernen
Erinnern und Lernen heißt, nicht nur Fakten zu bewahren, sondern die Mechanismen der Auswahl zu verstehen. In Varel konnten Soldaten und ihre Netzwerke „ihre Zeit" institutionell verankern – Gedenkstein, Vereine, kommunale Unterstützung, presseöffentliche Rückblicke. Die Bewohner:innen des DP-Altersheims waren hochbetagt, rechtlich marginalisiert (als „heimatlose Ausländer") und ohne Lobby; ihre Geschichten verschwanden aus dem Sichtfeld, bis lokale Initiativen seit 2021 Namen und Biografien auf dem Friedhof sichtbar machten. Die Episoden der Kanadier und Dänen zirkulieren überwiegend im kommunikativen Gedächtnis (Familienarchive, Regiments-/Brigadeblätter wie The Mayflower, Brigade Kureren, jüngste Besuche von Nachkommen) und wandern erst durch Forschung, Archive und Gedenkzeichen ins kulturelle Gedächtnis über. Lernen aus Erinnerung bedeutet deshalb auch, das Schweigen als Quelle zu lesen: Welche Leerstellen sind Ergebnis früherer Bewertungen, und wie können heutige Formate – Stele, digitale Karten, Oral- und Public History – diese Asymmetrien ausbalancieren?
___________________________________________________________
von Benjamin Rosenstengel
___________________________________________________________