Die Presseberichterstattung über das DP-Altersheim
In Varel dominierte nach dem Krieg die Nordwest-Zeitung (NWZ) das Zeitungsgeschehen. Die Tageszeitung, deren Lokalteil "Der Gemeinnützige" u.a. in und über Varel berichtete, befasste sich im Laufe der Jahre in über 20 Artikeln mit dem Altersheim in Varel und den dort ansässigen Bewohner*innen
Am 13. Februar 1950 wurde mit dem Einzug der Displaced Persons (DP´s) in das Altersheim erstmals über diese Personengruppe berichtet. Konkret wird die Notlage dieser Personengruppe in dem Artikel “Sie sollen es gut bei uns haben.” vom 22. November 1950 beschrieben: “Durch Bombenangriffe ist ihre restliche Habe stark geschmälert. In der Westzone haben sie mehrfach die Lager wechseln müssen -kein Wort der Klage kommt über ihre Lippen, ihre Haltung ist bewundernswert.”
Erstaunlich ist, dass die Ursache für diese Situation in dem Artikel ausgeblendet wird: Ein Großteil von diesen Menschen wurde nämlich von den Nationalsozialisten nach Deutschland verschleppt. Allerdings gab es auch Menschen, die mit den Nazis kollaboriert hatten und mit ihnen den Rückzug vor der Roten Armee angetreten hatten.
In der deutschen Bevölkerung gab es große Vorurteile gegenüber den DP's. Explizit thematisiert wird dies in dem Artikel “DP-Problem aus ein deutsches Problem” (NWZ, 30.06.1951). Erst eine vermeintliche “Identifizierung” der deutschen Gesellschaft mit dem Schicksal der DP's führte zum Abbau dieser Vorurteile:
"Der DP – einst ‚Terrorist, Schwarzhändler und Bettler‘ in den Augen vorschnell Urteilender – wurde zum Schicksalsgenossen, der, gleich zahllosen Deutschen, alles verloren hat.“ (NWZ, 30.06.1951).
Gerade die Beschreibung als “Schicksalsgenossen” ist interessant. In den Camps verblieben jene Menschen, die nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr auf dem Arbeitsmarkt nachgefragt wurden und dadurch keine Möglichkeit hatten, Deutschland zu verlassen. Diese Identifizierung von einer Gesellschaft, die mehrheitlich über die Verbrchen der Nationalsozialisten geschwiegen hatte oder gar aktiv daran beteiligt war führte dazu, dass zunehmend über kulturelle Veranstaltungen aus dem Altersheim berichtet wurde, bei denen es auch oft zu Kontakten der Menschen aus dem Altersheim zu der Zivilbevölkerung kam. Beispielsweise sang der Chor der Vareler Oberschule regelmäßig in der Adventszeit für die Bewohner*innen des Altersheimes (NWZ, 04.12.1954). Inwiefern ein Kontakt im regulären Alltag zustande kam, kann anhand der Artikel aber leider nicht beantwortet werden.
In einem Bericht vom 31.12.1955 wird beschrieben, dass das Altersheim aufgelöst werden und eine Garnison in Varel einziehen soll. Dieser Beschluss wird 1959 umgesetzt:
"Den Abschied der DPs aus dem Vareler Heim, das zeitweilig über 900 Ausländer beherbergt hat, erleichtert die Tatsache, dass die Umzüge fast überall in neue Altersheime führten, die in ähnlicher Form wie das fast fertige Vareler Altersheim ‚Simeon und Hanna‘ den guten Tausch von Improvisation gegen vollwertige, modernste Unterkünfte versprechen.“(NWZ, 07.08.1959).
Gleichzeitig war man aber auch froh, dass die DP´s nun gehen würden und stolz, künftig eine Garnisonsstadt zu sein.
Die NWZ hatte während der Zeit, in der die DPs in Varel waren, einen erheblichen Anteoil daran, dass die Bevölkerung regelmäßig von dem Altersheim erfuhr. Sie öffnete den Varelern die Möglichkeit, ihre Vorurteile abzubauen und zu überwinden, um nicht nur mit den DP zu koexistieren, sondern miteinander leben zu können. Gleichzeitig schuf sie mit den DP´s eine Möglichkeit, sich selber ebenfalls als Opfer zu sehen und sich mit dieser Gruppe, die oftmals im NS-Staat entrechtet und misshandelt wurden, zu identifizieren. So wurden die DP´s nie als Möglichkeit der Reflexion der eigenen Verbrechen gesehen.
Alle genannten Zeitungsberichte- und Artikel können im Online-Archiv der NWZ unter folgendem Link aufgerufen werden:
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von Jannik Singer, Timo Diener & Julia Claaßen
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