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Helena Kamss

Vor dem Ersten Weltkrieg

In einer Zeit sozialer Unruhen wegen lettischer Selbstbestimmung und Unabhängigkeitsbestrebung wird Helene Zalumskis am 17.1.1907 in Riga geboren.1 Von 1915 bis 1925 besuchte sie die Grund- und Weiterführende Schule in Riga, die sich zu dieser Zeit in einer kulturellen und wirtschaftlichen Blütezeit befand.2 Das heutige Lettland gehörte damals noch zum Russischen Reich, bis es 1918 die Unabhängigkeit erlangte. 1920 erreichte die lettische Regierung ihre Anerkennung durch Sowjetrussland mit dem Friedensvertrag von Riga.3 

Durch die multikulturelle Geschichte Lettlands und ihre Sprachbegeisterung lernt Helene viele Sprachen. So spricht sie fließend lettisch, russisch, deutsch und polnisch und ein bisschen englisch und litauisch. In den folgenden Jahren lernt sie ihren zukünftigen Ehemann Arturs Kamss kennen, welcher von Talsi nach Riga gezogen ist. Sie heiraten und lebten  bis 1944 in der Latgales Straße 84 nahe dem Zentrum von Riga, wo Arturs als Klavierbauer und Helene als Hausfrau tätig war.4

Im Zweiten Weltkrieg

Im Oktober 1944 wurde das Ehepaar aus Lettland evakuiert und kam nach Brandenburg, wo es bis November lebte. Auf deutschen Befehl zogen die beiden im November nach Reppinichen, einem kleinen Dorf an der Grenze zu Sachsen-Anhalt, wo sie bis zum Oktober 1945 lebten. In dieser Zeit befand sich Arturs in einem Arbeitslager, wo er in einer Munitionsfabrik bis zur Kapitulation Deutschlands arbeitete. Helene war weiter als Hausfrau im eigenen Haus tätig.

Ende Oktober flohen beide nach Berlin vor dem Einfluss der Kommunisten nach dem Kriegsende, durch ihre schlechte Erfahrung mit Sowjetrussland bei der Besetzung Lettlands. Sie kamen bei der UNRRA in Berlin für zwei Tage unter.5 

Nach dem Zweiten Weltkrieg

Auf eigenen Wunsch wurde das Ehepaar am 26.10.1945 in das DP-Camp Lehrte verlegt. Im nächsten Monat wurden sie in das DP-Camp Groß Hesepe in Lingen verlegt, in welchem sie bis Juni 1946 blieben.6 

Der nächste Halt für das Paar war das DP-Camp Daugava in Melle. Im Rahmen des „Westward Ho!“ Programms, bei dem DPs für Arbeit nach Großbritannien rekrutiert wurden, kam Helene am 28.8.1947 in ein Transit Camp in Bottisham, England. Am 15. September zog sie nach Watford, wo sie eine Arbeitsstelle als Wäschereiarbeiterin bei „The Watford Steam Laundry“ bekam. Mit 40 Jahren verdiente sie nun zum ersten Mal in ihrem Leben ihr eigenes Geld. Im Juni 1948 wechselte sie als Dienstmädchen in das „Canadian Red Cross Memorial Hospital“ in Taplow, wo sie auch Arturs wiedertraf.7 

Im Oktober 1948 kündigten beide ihre Jobs im Krankenhaus, da sie von dort aus in die USA emigrieren wollten, wo Arturs' Cousin Henry J. Kamss in Maryland eine Unterkunft und Arbeit besorgt hatte. Da man nicht direkt von England in die USA auswandern konnte, mussten sie zuerst einen Antrag für die Rückkehr nach Deutschland abschicken.8 

Ihr Antrag für die Rückkehr nach Deutschland kam mit einer Absage wieder zurück, da sie zwischenzeitlich eine Arbeitsstelle angenommen hatten. Am 9.5. wurde beiden mitgeteilt, dass sie entlassen werden, da sie ungeeignet für die Arbeit gewesen wären. Die stellvertretende Aufseherin drohte ihnen mit schlechten Referenzen, als sie auf die Auszahlung ausstehender Gehälter bestanden. Dies hatte zur Folge, dass Arturs keinen neuen Job in einem anderen Krankenhaus bekam.

  1. Stadt Varel, Meldekarte von Helena und Arturs Kamss, Stadtarchiv Varel.

  2. Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena u. Arturs Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256636.

  3. Gilbert, Emily (2013): Changing Identities: Latvians, Lithuanians and Estonians in Great Britain, CreateSpace Independent Publishing Platform.

  4. Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena u. Arturs Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256636.

  5. Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena u. Arturs Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256636.

  6.  Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena u. Arturs Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256636.

  7. Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena u. Arturs Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256636.

  8. Vgl. Application by a European Volunteer Worker to return to Europa Helene Kamss, AA, 3.2.1.1/79256640.

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Namenslisten von Ex-DPs, die aus England zurückgekehrt sind

Arolsen Archives - 1641000, DocID: 81983494

Zur gleichen Zeit erlitt Helena eine Anämie, wahrscheinlich durch toxische Substanzen verursacht, mit starken Kopfschmerzen und allgemeiner Schwäche.17 Im Oktober 1949 zogen beide nach London. Im November wurde bei ihr eine Schilddrüsenüberfunktion diagnostiziert. Der behandelnde Arzt riet, dass sie ohne Verzögerung nach Deutschland geschickt werden solle, da kein Platz für eine so lange Behandlung in einem englischen Krankenhaus vorhanden sei.18 

Obwohl das Ehepaar einen Antrag auf freiwillige Rückkehr nach Deutschland gestellt hatte, wurden sie am 19.5.1950 zusammen mit anderen ehemaligen EVWs deportiert, da man unzufrieden war mit der Arbeit, die sie geleistet hatten. Dieses Vorgehen kam durch die lange Wartezeit durch die Bürokratie und der 18-Monate-Regel: Das Ehepaar war Opfer der Umstände geworden, wie es ein IRO-Bericht selbst festhielt.19 Am 17.05. kam das Paar in Harwich an, wurde auf ein Schiff gebracht, das nach Emmerich fuhr, und gelangte von dort in das Grenzdurchgangslager Friedland bei Göttingen.20 

Der nächste Halt für Helena und Arturs war das DP-Camp Diepholz. Dort blieben sie knapp acht Jahre – für beide der bisher längste Aufenthalt an einem Ort seit der Evakuierung aus Lettland 1944. Drei Monate nach ihrer Ankunft in Diepholz erhielten beide einen temporären Ausländerpass.21 

Das Altersheim in Varel

Helena und Arturs ließen sich im Oktober 1957 in Verden scheiden, blieben sich jedoch nahe, da beide am 16.1.1959 in das „Altersheim für Heimatlose Ausländer“ in Varel kamen.22 Dort gehörten sie zu den ungefähr 200 Letten, die in dem Altersheim die größte Gruppe an Nationalitäten bildeten. Es ist zu vermuten, dass sie dort an dem klassischen Alltag der Heimatlosen Ausländer teilnahmen: Sie sangen eventuell in dem lettischen Chor, nahmen an den Gedenkfeiern an die Deportationen im Baltikum 1940/41 und die Unabhängigkeit Lettlands 1919 teil, lasen Bücher in der Bibliothek oder hielten sich in den Gemeinschaftsräumen mit anderen Bewohnern auf.23 

Im März 1959 verließen Helena und Arturs das Heim in Varel, welches kurz vor der Auflösung stand, und gingen nach Hannover in den Sibeliusweg. Ab diesem Zeitpunkt lässt sich nichts mehr zu Arturs und Helena finden, außer einer Aufzeichnung, dass Arturs für die Ausreise in die USA dokumentiert wurde. Es lässt sich vermuten, dass er tatsächlich emigriert ist und dort mit seiner Familie bis zu seinem Tod gelebt hat.

Für Helena ging mit dem Umzug nach Hannover im Alter von 52 ein langwieriges Kapitel voller Ortswechsel, Probleme mit dem Staat, Beziehungsproblemen und Krankheiten zu Ende. Da es keine weiteren Dokumente gibt und sie wegen der sowjetischen Übernahme Lettlands nicht in ihre Heimat zurückkehren wollte, lässt sich vermuten, dass sie in Hannover bis zu ihrem Tod geblieben ist.

  1. Vgl. Brief Dr. Dietrich, AA, 3.2.1.6/ 81328808.

  2. Vgl. Brief B. Perott an Helene Kamss, AA, 3.2.1.6/ 81328795.

  3. Vgl. Brief IRO London an IRO Lemgo, AA, 3.2.1.1/ 79256651.

  4. Vgl. Namensliste von Ex-DPs, die aus England zurückgekehrt sind, AA, 3.1.1.2/ 81983410.

  5. Vgl. Application for I.R.O Assistance Helena Kamss, AA, 3.2.1.1/ 79256638/ Vgl. Brief IRO Lemgo an IRO Brunswick, AA, 3.2.1.1/ 79256650.

  6. Stadt Varel, Meldekarte von Helena und Arturs Kamss, Stadtarchiv Varel.

  7. Vgl. Frerichs, Holger (2023): Das „Altersheim für heimatlose Ausländer“ in Varel 1950 bis 1959 (1.Auflage), Oldenburg: Insee Verlag.

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    von Carmen Wolf
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